Baukultur braucht ein politisches Gewissen

Friedrich Achleitner

Zeitgenössische Qualitätsarchitektur sichert das kulturelle Erbe von morgen

Baukultur als Teil der Kultur ist abhängig vom Entwurf, von den Lebensvorstellungen der künftigen Gesellschaft. Eine Gesellschaft der Aktionäre wird den Begriff des Menschen (seine wegrationalisierbare Existenz) anders definieren als eine Gesellschaft, die sich für jedes Mitglied verantwortlich fühlt. Kunst als Luxusgut mit hohem Handelswert ist etwas anderes als Kunst, die unser Leben bereichern oder überhaupt erst lebenswert machen soll. Es ist also eine grundlegende Frage der Architektur, ob sie sich – wie es eine Vision der Moderne war – wieder mehr für alle Belange des Bauens verantwortlich fühlt oder ob sie sich ins Netzwerk des Starwesens flüchtet, um in einer glanzvollen globalen olympischen Existenz der eigenen ästhetischen Botschaft zu leben. Dass zwischen Schlüsselbauten der „Weltarchitektur“ und lokalen oder regionalen Baukulturen ein dialektisches Verhältnis besteht, wird ja damit nicht bestritten.

Der Titel meines Beitrags hat Realitätsbezug, aber ist die Fragestellung richtig? Soll gute Architektur deshalb entstehen, damit wir das kulturelle Erbe vermehren? Jenes kulturelle Erbe, das heute im Lichte der Monetarisierung des Globus immer mehr durch Leistungsbilanzen seine Existenzberechtigung zu beweisen gezwungen wird? Die reine Ideologie des Geldes identifiziert das Leben mit Leistung. Und wer etwas leistet (und sei’s nur durch Spekulation), hat eine Daseinsberechtigung. Und wer als armer, kranker oder alter Mensch nichts mehr leisten kann, von dem wird erwartet, dass er sich wenigstens seine Existenz leisten kann.


Begriffe der Baukultur und der Architektur sind schon lange im Wandel begriffen. Gesellschaften, die für die Ewigkeit oder für Generationen gebaut haben, sind die Erblasser für jene, die heute davon leben. Ein Teil des heutigen Bauens zeigt eine radikale Kürzung der Lebenszyklen. Der abschreibbaren Architektur werden immer kleinere Lebensspannen gewährt. Das heißt, wir produzieren immer mehr ökonomisch kalkulierten Abbruch. Ein großer Teil des Erbes wird keinen Cent wert sein. Es entsteht die Frage, was heute Baukultur überhaupt sein kann. Ich verstehe darunter nicht nur die abgehobenen Schlüsselwerke kultureller
Spitzenleistungen, die weltweit unter extrem künstlichen Bedingungen auf der Ebene eines Kunstmarktes in der Konkurrenz von Nationen, Städten, Regionen, Konzernen oder anderen Interessen im doppelten Sinn des Begriffes aufgeführt werden. Baukultur umfasst nicht nur alle Belange des Bauens. Wenn Architektur ihre Rolle als Verantwortung für jeden einzelnen Menschen versteht, ist sie aufgefordert, diese wahrzunehmen. Österreich hat, regional unterschiedlich, ein großes kreatives Potenzial an Architektinnen und Architekten. Trotzdem gibt es starke Asymmetrien in der Aufmerksamkeit für Bauaufgaben. Wo sind die Architekten (mit wenigen Ausnahmen), die sich etwa um die Probleme der Landwirtschaft, des Dorfes, der Gewerbegebiete, der Landschaft oder dem damit verbundenen Bauen für den Tourismus kümmern? Natürlich gibt es sie, aber in keinem quantitativen Verhältnis zum städtischen Wohnbau, zum Schulbau oder zu den „klassischen“ Architekturaufgaben.

Die Wirtschaft entdeckt die Architektur, aber eher als Werbeträger, als Präsentation und Illustration von Firmenphilosophien, als Imagepolitur und weniger als Arbeitswelt. Gleichzeitig werden den Architekten und Architektinnen Schlingen kompliziertester Vertragswerke (unter ausschließlich ökonomischen Bedingungen) um den Hals gelegt. Die Gesellschaft der Rechner braucht Orchideen nur zum gelegentlichen Aufputz. Das Musikland Österreich reduziert aber den Musikunterricht, das Architektur- und Kunstland Österreich schickt die bildnerische Erziehung ins Ausgedinge. Obwohl in Wien die Wiege der Orientalistik stand, wird diese heute – gerade heute, wo die Unkenntnis des Orients ein lebensbedrohendes Versäumnis darstellt – zum Orchideenfach erklärt.

Baukultur ist die Wahrnehmung und Pflege der kreativen Kräfte einer Gesellschaft. Dazu brauchen wir nicht nur intelligente Handwerker und Ingenieure, vernünftige Baugesetze und gebildete Beamte, aufgeschlossene BauherrInnen, gute Ausbildungsstätten, raumplanerische und ökologische Konzepte, sondern vor allem auch Politikerinnen und Politiker, die fähig sind, eine Gesellschaft als kulturelles Phänomen zu begreifen, wir brauchen ein positives, der Zukunft zu-
gewandtes kulturelles Klima und vieles, vieles mehr. Dazu gehört auch das selbstverständliche Wissen, dass in dieser Welt nicht alles berechenbar und abrechenbar ist.


Wenn eine Berufsgruppe wie die Architekten, die in ihrem Kern immer noch eine Vision einer besseren Welt in sich trägt und dafür oft existenzbedrohende Opfer bringt (ich erinnere nur an das selbstausbeuterische und energievergeudende System der Wettbewerbe, das in dieser Form keiner Berufsgruppe zugemutet wird), wenn diese Berufsgruppe in ihrer Bedeutung von der Gesellschaft mehr wahrgenommen würde, so hätte sie zumindest die Pflicht, diese unwägbaren Kulturleistungen zu schützen, ja zu hätscheln, statt die unbequemen „Narren“ und „Närrinnen“, wie es immer öfter geschieht, in den Konkurs zu schicken. Diese Respektlosigkeit vor einer kreativen Arbeit, diese Austrocknung „kultureller Biotope“ ist für eine „Kunstnation“ eine Art kollektiver Selbstmord. Aber auch Beamte, wenn sie sich für Architektur engagieren, sind vor ihresgleichen nicht gefeit, wie man am Beispiel Krems studieren kann. Trotzdem sind, etwa in Oberösterreich, Baubeamte unterwegs, die den Kontakt zu den Gemeinden, Schulen und BürgermeisterInnen finden und Impulse für gutes Bauen setzen. Und es gibt immer mehr Aktivitäten, die diese Probleme erkennen.

Eine Baukultur ohne Basis gibt es nicht.
Anmerkung
Dieser Text wurde von Friedrich Achleitner bei der parlamentarischen Enquete am 30.03.2004 als Eingangsreferat vorgetragen.