Architekturpolitik

Architekturpolitik in Österreich
Historische Entwicklung – Stand der Dinge

Otto Kapfinger und Arno Ritter
In Österreich gibt es keine deklarierte Architekturpolitik, die auf Basis von politischen Programmen, finanziellen Förderungen oder gesetzlichen Rahmenbedingungen als offensive und nachhaltige Strategie zu beschreiben ist. Die österreichische Architekturlandschaft zeichnet sich viel eher durch eine Tradition von regional unterschiedlich bzw. individuell geknüpften Netzwerken aus, die meist von wenigen Personen aus verschiedenen sozialen, gesellschaftlichen, ökonomischen und teilweise auch politischen Sphären getragen werden und sich der Architekturqualität und Baukultur widmen. Aus der Distanz erkennt man, dass gestalterisch innovative Zeiten vor allem dann möglich waren, wenn sowohl eine kultur- und qualitätsbewusste Gesellschaftsschicht das kreative Potenzial der jeweiligen Zeit gefordert und unterstützt hat, als auch baukulturell interessierte Personen in politischen Funktionen bzw. in Verwaltungspositionen oder Personen mit ökonomischem Hintergrund zeitgemäße Gestaltung bzw. avanciertes Bauen gefördert haben. Es zeigt sich, dass vielfach biografische Zufälle und/oder widerständige Momente von einzelnen Personen oder Gruppen Auslöser für eine baukulturelle Bewegung bzw. Veränderung waren und sind. In diesem Beitrag sollen anhand von Beispielen mit verschiedenen systemischen Hintergründen exemplarisch Einblicke in die Entstehungsbedingungen von baukultureller Praxis und architektonischer Qualität gegeben werden.

Semantik der Begriffe

Die Begriffe „Kultur“ im Allgemeinen und „Baukultur“ im Speziellen verweisen auf historische Phänomene, die nicht unreflektiert auf heutige Gegebenheiten übertragbar sind. Das Wort „Kultur“ – besonders in Verbindung mit nationalstaatlicher Abgrenzung – suggeriert eine latent vorhandene und explizit anzustrebende „Ganzheit“ – eine „Identität“ –, die jedoch in unserer komplexen Gegenwart als naives „Leitbild“ zu bezeichnen ist. Im internationalen Diskurs der Sozial- und Geisteswissenschaften wird seit vielen Jahren die Konstruiertheit von Identitätsvorstellungen analysiert und hinterfragt. Speziell die Arbeiten von Richard Sennet zeigen, dass Fragmentierung und Diskontinuität die zentrale Erfahrung moderner, städtisch geprägter Gesellschaften sind. Diese Phänomene kamen als „Spannung zwischen Ganzheit und Unterschied schon den Menschen des Aufklärungszeitalters schmerzlich zu Bewusstsein, als in ihrem Sprachgebrauch das Wort Kultur in einen Gegensatz zum Wort Zivilisation geriet. Kultur umfasste für sie die Kräfte der Ganzheit innerhalb der Gesellschaft, während Zivilisation die Bereitschaft anzeigte, den Unterschied zu akzeptieren.“

Das landläufige Verständnis von Kultur transportiert aber weiterhin das Bild einer organischen Einheit oder Identität. Dieses fußt auf einem meist unbewusst retrospektiven Bewusstsein, eingebettet in eine rein ästhetische Rezeption von Geschichte, orientiert an vagen Kriterien des Landschafts- bzw. Denkmalschutzes und kompatibel zur populären Definition des Kulturerbes, dessen scheinbare Homogenität meist als Dekorum für den Massentourismus und als Sinn-Maske für längst veränderte regionale Identitäten dient. Im Gegensatz dazu kann man als ein prägendes Merkmal der aktuellen Architektur in Österreich die Tendenz zur Entwicklung von Vielfalt feststellen, die zu einem breiten Spektrum an konzeptionellen und typologischen Ansätzen führt und keine Homogenität bzw. Identität anstrebt. Denn in Opposition zum ideologischen Anspruch von der „einen Kultur“ zielen alle „modernen“ Architekturströmungen in Österreich auf die Akzeptanz und Kultivierung des Ungewöhnlichen, auf die Förderung konstruktiver Differenzen und die Überwindung von Konventionen.



Demokratie und Moderne

Qualitative Architektur ist statistisch gesehen immer noch ein Minderheitenprogramm in der Gesamtheit der Bauproduktion. Das Bauen in all seinen Ausformungen schafft aber die nachhaltigen und symbolischen Manifestationen jeder Gesellschaft. In der Demokratie gehört die Souveränität der Individuen zum Kern des politischen Selbstverständnisses. Die Freiheit der individuellen Äußerung ist ein hohes und kostbares Gut. Dem steht die Verpflichtung zur Sorge um das Gemeinwohl gleichrangig gegenüber. Im Spannungsfeld dieser beiden scheinbar diametralen Werte liegt das Entwicklungspotenzial, aber auch die Problematik der Architektur, der Stadt- und Regionalplanung unserer Zeit. In diesem Sinne ist die Demokratie herausgefordert, nicht zuletzt in baulichen Belangen die Balance zwischen dem Anspruch der Einzelnen und den Kriterien des Gemeinwohls zu finden, zu optimieren und weiterzubilden. Die demokratischen, politischen Instanzen – als Gesetzgeber, Verwalter und öffentliche Auftraggeber – sollten daher die Rahmenbedingungen so gestalten, dass sie dem individuellen und korporativen Bauen die meist kurzfristig gedachten, optimalen Rahmenbedingungen schaffen, zugleich aber die übergeordneten, längerfristigen Interessen des Gemeinwesens einfordern und absichern. Denn anspruchsvolles Bauen kann in einer offenen, liberalen Gesellschaft nicht per Dekret verordnet, sehr wohl aber durch legistische Rahmensetzungen und Anreize gefördert werden. Avancierte und qualitative Architektur muss heute im sachlichen Konsens der widersprüchlichen, subjektiven Meinungen immer wieder neu verhandelt werden. Um bewerten zu können, müssen freilich alle Beteiligten einander verstehen.
Kultur – im Sinne von Zivilisation als produktiver Umgang mit Unterschieden bzw. Widersprüchen verstanden – beginnt mit dem Artikulieren und dem kritischem Verständnis. In der komplexen Sphäre des Bauens besteht ein Bedarf nach Information und nach sachorientiertem Dialog.  
Politisches Engagement für Baukultur muss daher auf den weitverbreiteten Informationsmangel über die Potenziale moderner, innovativer Architekturen reagieren.

Architektur und Vermittlung

In Reaktion auf die 1988 erfolgte Gründung des „HDA – Haus der Architektur“ in Graz und aufgrund einer Anfang der 1990er Jahre einsetzenden finanziellen Unterstützung des Bundes haben sich im Laufe der Zeit in allen Bundesländern unabhängige Vereine als Schnittstellen zwischen Fachwelt und Bevölkerung etabliert. Die Dichte und regionale Differenziertheit dieser Institutionen ist in Mitteleuropa einmalig und mitverantwortlich für die im Vergleich zu anderen Ländern gleichmäßiger verteilte, vor allem auch abseits der Städte sichtbare, pluralistische Entwicklung der Architektur. Die Vermittlungs- und Netzwerkfunktion dieser Einrichtungen der Öffentlichkeit gegenüber sowie ihre Angebote vor allem in Richtung der Schulen sollten entschieden ausgebaut werden.
Denn innovative Architektur sollte keine Angelegenheit einer Minderheit von Spezialisten sein, sondern braucht zur Entfaltung den breiten Nährboden einer informierten Bevölkerung, einer gerade in diesem Bereich „interessierten und wissbegierigen“ Schicht von AuftraggeberInnen.

In der heutigen Informationsgesellschaft ist es aber auch wichtig, dass vor allem in den Massenmedien jene Bereiche reflektiert werden, die unsere tägliche Erfahrungswelt langfristig prägen. So gesehen ist der Bereich der Architektur und Planung in den Medien mit einem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag weitgehend unterrepräsentiert. Auf Landesebene (ORF Landesstudios) ist die Situation vereinzelt etwas besser, aber auch in diesen Bereichen gegenüber früheren Phasen (z.B. Vorarlberg der 1980er Jahre) deutlich schlechter geworden.

Beispiel Vorarlberg

Vorarlberg ist relativ gesehen die am stärksten industrialisierte Region Österreichs. Mit der wirtschaftlichen Dynamik nach 1955 war ein rasches Bevölkerungswachstum mit forcierter Bautätigkeit verbunden. Im Unterschied zu anderen Bundesländern wurde Architektur jedoch im raumplanerischen, lokalpolitischen, bau- und feuerpolizeilichen Umfeld offener rezipiert, neuen Entwicklungen wurde mehr Verständnis entgegengebracht. Vorarlberg gilt heute als ein wichtiges regionales Zentrum zeitgenössischer Architektur und in einigen Bereichen als Motor bautechnischer Entwicklungen in Europa. Modernes Bauen ist im „Ländle“ mittlerweile kein Ausnahmefall mehr, sondern hat sich, wie der Historiker und Publizist Wolfgang Kos formulierte „als Bürgerpflicht etabliert“. Maßgeblichen Anteil daran hatte eine ursprünglich kleine Gruppe von Personen, die in den 1980er Jahren als „Vorarlberger Baukünstler“ mit innovativen Wohnmodellen und Siedlungsanlagen bekannt wurde. Im Unterschied zum „Modell Steiermark“ oder zum „Salzburg-Projekt“ hat sich in Vorarlberg eine breite Bewegung für zeitgemäßes, ökonomisches und ökologisches Bauen schrittweise „von unten“ formiert. In Opposition zum kulturellen und bürokratischen Establishment war diese von Beginn an eine Initiative, die nicht allein von ArchitektInnen, sondern von den BauherrInnen mitbestimmt und gestaltet wurde. Ihre Keimzelle lag in einem kleinen Netzwerk von weltoffenen LehrerInnen, KünstlerInnen, LiteratInnen, MusikerInnen und PlanerInnen, die bereits in den 1960er Jahren Alternativen zur regionalen Provinzialität formulierten und lebten. Ihr Engagement reichte von der Protestbewegung gegen ein damals in unmittelbarer Nachbarschaft in der Schweiz geplantes Atomkraftwerk über die kabarettistische Kritik („Wühlmäuse“) am offiziellen Kulturbetrieb bis zur Gründung alternativer Foren („Wäldertage“, „Randspiele“) als Antwort auf die etablierte Hochkultur der Bregenzer Festspiele. Auf diese erste Phase von widerständigen „PionierInnen“ konnte um 1980 die nächste Generation von PlanerInnen und jungen BauwerberInnen aufbauen – eine nach der Energiekrise Anfang der 1970er Jahre groß gewordene Gruppe, deren Interesse an intelligenter Ökologie, an einer neuen „Einfachheit“, am gemeinschaftlichen Bauen und Wohnen unter anderem durch ein Landesgesetz begünstigt wurde, das auch Nicht-Kammermitgliedern das Bauen und die Teilnahme an Wettbewerben ermöglichte. Wie ihre Wegbereiter, so kam auch diese zweite Generation anfangs oft mit VertreterInnen lokaler Behörden oder BürgerInnen in Konflikt, wurde aber vor allem von couragierten BeamtInnen und JuristInnen im Land unterstützt. Fast gleichzeitig zeigte das ORF-Landesstudio von 1985 – 92 eine wöchentliche Sendung über Bau- und Städtebauprojekte, die der junge „Baukünstler“ Roland Gnaiger autonom redigierte und in der wichtige Themen kritisch und öffentlichkeitswirksam behandelt wurden. 1985 dann ein weiterer vorbildhafter Schritt: In Lustenau setzte der damalige Bürgermeister einen unabhängigen Beirat für Architektur ein, gebildet aus drei engagierten ArchitektInnen. Nach diesem Muster entstanden in einigen anderen Städten und Gemeinden in Vorarlberg ebenfalls Gestaltungsbeiräte als Schnittstellen zwischen ExpertInnen, Politik und Bevölkerung. 1989/90 wurde eine neuartige Vermittlungsstelle für nachhaltiges Bauen gegründet: das vom Land Vorarlberg getragene Energieinstitut in Dornbirn. Mit einem Netz von Zweigstellen, vor allem mit finanziellen Förderungen, mit Beratungsangeboten und Öffentlichkeitsarbeit propagiert dieses Institut energiebewusstes Bauen und unterstützt damit architektonische Entwicklungen. In positivem Sinne entstand in Vorarlberg fast „subkutan“ ein offenes Klima für Architektur, ein breites gesellschaftliches Bewusstsein für Baukultur und Innovation, das in Österreich als vorbildhaft zu bezeichnen ist und das sich in den letzten Jahren als weitgehend unabhängig gegenüber politischen wie auch ökonomischen Veränderungen dargestellt hat.



Beispiel Salzburg-Projekt

Demgegenüber verdankt sich ein gewisser Aufschwung moderner Architektur und neuer Rahmenbedingungen für ihr Entstehen in der Stadt Salzburg vor allem einer politischen Protestbewegung. Die Mitte der 1970er Jahre gegründete „Bürgerliste“ war anfänglich vor allem gegen die niveaulosen „Verschandelungen“ im Weichbild der Stadt aufgetreten, gegen die rücksichtslose „Verbetonierung“ von Grünland und gegen Bau- und Bodenspekulationen. Aufgrund des Wahlerfolgs der „Bürgerliste“ übernahm Johannes Voggenhuber 1982 das Amt des Planungsstadtrates. Er wurde während seiner Amtszeit zum leidenschaftlichen Verfechter einer transparenten Planung und avancierter Architektur.
Mit der Grünlanddeklaration, dem Verkehrskonzept, der Neuregelung der Baubegutachtung (Reform der Planungsvisite, Begutachtung und Verfahrensvorgaben bei allen großen oder stadträumlich bestimmenden Bauprojekten durch den Gestaltungsbeirat etc.) wurden wichtige strukturelle Maßnahmen initiiert. Voggenhubers Strategie – oft auch gegen die Befindlichkeit seines Wählerpotenzials gerichtet – war jedoch von Anfang an weitgehend eine Gratwanderung. Mit dem von ihm unterstützten Gutachterverfahren für das Casino Winkler am Mönchsberg, in der „Tabuzone“ der Altstadt, war aber der Bogen überspannt. Bei den Wahlen kurz danach fiel die Bürgerliste deutlich zurück, Voggenhuber war damit abgewählt.

Aus der zeitlichen Distanz betrachtet, sind die baulichen Resultate dieser Ära nicht wirklich überzeugend, konnten es vielleicht auch realistischerweise trotz großem Einsatz und klingender Architektennamen nicht sein. Zu groß waren die Widerstände, zu aufreibend die strukturellen „Kämpfe“, um anspruchsvolle Projekte überhaupt umzusetzen. Die politische Strategie Voggenhubers und das glaubhafte Engagement internationaler Fachleute (in öffentlich zugänglichen Beiratssitzungen) hatten dennoch neue Perspektiven für den Umgang mit der Stadt aufgezeigt. Die Vision einer urbanen Transformation der Stadt war nicht nur theoretisch formuliert, sondern in Ansätzen greifbar geworden. In diesem Sinne wurde das Beispiel des Salzburger Gestaltungsbeirates und der Verfahrensstrategie von Linz, Lustenau, Feldkirch, Krems bzw. anderen Städten übernommen und auch über die Landesgrenzen hinaus rezipiert.

Modell Steiermark

Etwas früher, in den 1970er und frühen 1980er Jahren, wirkte demgegenüber die steirische Szene in Österreich am dynamischsten. 1975 wurden vom Land die Richtlinien für den Wohnbau in dem Sinne revidiert, dass die finanzielle Förderung ab einer Größe von 50 Wohneinheiten an die Durchführung eines baukünstlerischen Wettbewerbes gebunden war. Parallel dazu wurden ab 1978 von der Landesbaudirektion keine so genannten „Amtsplanungen“ mehr durchgeführt. Stattdessen entschied man sich, die öffentlichen Bauaufgaben – vom Krankenhaus und Schulbau bis zu kleinsten Umbauten – entweder über Wettbewerbe oder Direktaufträge an engagierte ArchitektInnen abzuwickeln. Für diese Reformen verantwortlich war vor allem das Engagement für zeitgenössische Architektur des damaligen steirischen Landeshauptmannes Josef Krainer und das von ihm unterstützte Wirken der Hochbauabteilung, die jahrelang von Wolfdieter Dreibholz geleitet wurde. Das Aufblühen der so genannten „Grazer Schule“ wäre ohne diese in Österreich einmaligen Strukturbedingungen, ohne die persönliche Unterstützung bzw. Legitimation „von oben“ nicht möglich gewesen. In gewissem Sinne ist diese Entwicklung mit der in Wien der 1990er Jahre vergleichbar, als der damalige Stadtrat für Stadtentwicklung und Stadtplanung, Hannes Swoboda, das so genannte „Schulbauprogramm 2000“ ins Leben rief. Von 1993 bis 2000 wurden im Rahmen dieser Initiative über 100 Schulen errichtet, die entweder aufgrund von Direktvergaben oder auf Basis von Wettbewerben geplant wurden und von denen einige Gebäude maßgeblich den architektonischen Diskurs in Österreich prägten.

Beispiel MPREIS

Als Anfang der 1970er Jahre die Cousins Hansjörg und Anton Mölk in dritter Generation das Familienunternehmen „Theresia Mölk“ übernahmen, gab es etwa 30 kleine Lebensmittelläden, die sich vor allem in Innsbruck und Umgebung befanden und auf wenig Fläche eine kleine Auswahl an Produkten anboten. Im Jahre 1974 wurde die Vertriebslinie MPREIS mit einem neuartigen Preis- und Sortimentskonzept gegründet und die bestehenden Märkte entweder ausgebaut oder neue Supermärkte errichtet. Zu dieser Zeit spielte Architektur wie bei vielen vergleichbaren Unternehmen keine wirkliche Rolle, da die Waren hauptsächlich über das reine Preisargument verkauft wurden und die Konsumenten über die Jahre des Wiederaufbaus hinweg sukzessive auf dieses Prinzip konditioniert wurden. Mitte der 1980er Jahre begann im Unternehmen MPREIS über den Umweg der Bekanntschaft von Anton Mölk mit dem Architekten Heinz Planatscher ein Umdenken. Beauftragt mit dem Bau von Märkten, wurde von ihm das Thema Lebensmittelmarkt erstmals in Tirol konzeptionell betrachtet und die herrschende funktionale Raumpragmatik des Warenverkehrs gestalterisch durchbrochen.

Die zweite wichtige Zäsur leitete Wolfgang Pöschl ein, der als junger Architekt bei einer zufälligen Begegnung die beiden Unternehmer von seinen unkonventionellen Ideen überzeugte. Auf den Überlegungen von Planatscher aufbauend, entwickelte Pöschl das Thema in Richtung eines flexiblen Raumkonzeptes. Er wollte keine einheitliche Gestaltungsidee vorgeben, sondern mit spezifischen architektonischen Lösungen auf die konkreten Orte reagieren. Die Resultate dieses produktiven Dialoges mit Hansjörg und Anton Mölk wurden 1993 erstmals auch öffentlich durch die „Auszeichnung des Landes Tirol für Neues Bauen“ für den MPREIS in Lienz anerkannt. Trotz des persönlichen Erfolges sowie weiterer Aufträge trat Pöschl Mitte der 1990er Jahre ein wenig in den Hintergrund und empfahl ArchitektenkollegInnen aus Tirol für die Weiterentwicklung der Bauaufgabe. Mit diesem Schritt wurde ein offener und dynamischer Prozess zwischen den verschiedenen ArchitektInnen und BauherrInnen losgetreten, der bis dato nicht zum Stillstand gekommen ist.

Betrachtet man die Situation heute, so arbeiten fast 30 unterschiedliche ArchitektInnen, vorwiegend mit Bürositz in Tirol, im direkten Dialog mit dem Familienunternehmen an der inhaltlichen Weiterentwicklung und architektonischen Optimierung des Themas „Supermarkt“. Die Dialektik von breit
gefächertem Warenangebot, attraktiven Standorten, einer offensiven Preispolitik und der über die Jahre hinweg verfolgten Firmenphilosophie nach innen wie nach außen schafft die ökonomische Grundlage für die Investitionen und die Expansion.

Für eine Supermarktkette einzigartig, verzichtet MPREIS auf eine architektonische Corporate Identity seiner Bauten. Stattdessen werden die Märkte je nach Größe und Standort regelrecht maßgeschneidert. Die Märkte von MPREIS sind spezifisch entwickelte Räume, weil sie mit der Umgebung und der Landschaft im Dialog stehen. Sie schaffen damit Identität und individuelle Atmosphären für die Waren und Kunden. Das dichte Gewebe zwischen der Aufgabenstellung, dem einzelnen Architekturbüro und den persönlich im Planungsprozess involvierten Bauherrn generiert Lösungen, die einerseits einzigartig und andererseits allgemeingültig und damit wieder vorbildhaft für andere ArchitektInnen sind. So werden Materialien, Konstruktionen, Lichtlösungen, Raumkonzepte und andere Themen immer wieder hinterfragt und im Gespräch mit den Bauherrn wie im inneren Dialog mit den anderen Projekten gelöst. In diesem Sinne existiert ein Spannungsfeld, das Kreativität aktiv fördert und neue Ideen zulässt, die plakativ formuliert unter dem Motto der Schaffung von „Lebensraumqualität“ subsumiert werden können. Mit derzeit über 140 Märkten, die fast ausschließlich in Tirol situiert sind, zählt MPREIS zu einem zentralen Auftraggeber für die lokale Baukultur und zu einer wichtigen Vermittlungsinstanz von Architektur. Denn pro Tag besuchen fast 100.000 Personen diese architektonisch gestalteten Orte und nehmen neben Waren sicher auch positive Eindrücke von avancierter Raumgestaltung mit nach Hause.