Elemente einer gesamtheitlichen Baukultur

Ökologische Nachhaltigkeit

Renate Hammer und Peter Holzer; Mitarbeit: Tania Berger, Rudolf Passawa, Helmut Floegl, Rupert Ledl, Ralpf Kellner

1. Einleitung

1.1 Ökologische Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist ein umfassendes Prinzip, das sich durch den kybernetischen Ansatz charakterisieren lässt: „Handle so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst.“ Damit gibt Nachhaltigkeit eine Methodik zur positiven Problembewältigung in komplexen Systemen in die Hand und schafft die Voraussetzungen für eine evolutionäre Weiterentwicklung.

In der politischen Diskussion tauchte die Nachhaltigkeit erstmals in den 1970er Jahren im Zuge der Weltenergiekrise auf. Der momentane Versorgungsengpass mit dem natürlichen Rohstoff Erdöl und dessen weitreichende Folgen machten erstmals eine globale Vulnerabilität deutlich.

Seit dieser ersten Krise erfuhr der Begriff Nachhaltigkeit eine laufende Schärfung und Konkretisierung: von der abstrakten, intergenerativen Forderung, wie sie im Bericht „our common future“ der Brundtland-Kommission 1987 formuliert wurde, bis hin zum konkreten Umsetzungsprogramm des Kyoto- Protokolls 1997.




1.2 Nachhaltigkeit als Strategie für die Entwicklung der Baukultur

Aktuelle Modelle zur Implementierung von Nachhaltigkeit empfehlen, das komplexe System Mensch-Umwelt unter zumindest drei Aspekten zu betrachten: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Diese drei Dimensionen sind stets gleichwertig und gleichzeitig zu beachten und auf das jeweilige Handlungsfeld zu beziehen.

Ein Handlungsfeld mit unmittelbarer Bedeutung sowohl für das Einzelindividuum als auch für die Gesamtgesellschaft ist die Baukultur. Vor dem Kontext unaufhebbarer, systemischer Bezogenheit von Ökologie, Ökonomie und Sozialem werden im Folgenden die ökologischen Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung von Baukultur speziell, aber nicht isoliert dargestellt.












2. Ökologische Nachhaltigkeit im Bausektor

2.1 Rahmenbedingungen für die Zukunft

2.1.1 Lebenszyklus1


Kaum ein Erzeugnis aktueller Produktion weist eine höhere Lebenserwartung auf als das Gebäude (über 80 Jahre). Bauen hat daher langfristige und vielschichtige Auswirkungen auf das Gesamtsystem und ist von hoher Relevanz im Sinne der Nachhaltigkeit.

Heute entwickelt die Bauindustrie laufend neue, höherwertige Baustoffe und technisch aufwändigere und raffiniert gefertigte Bauelemente mit intelligenten Steuerungskomponenten. Aus diesen Baustoffen und Bauelementen zusammengesetzte Gebäude weisen eine hohe Komplexität auf, die in der Nutzungsphase einen hohen Bedienungs- und Betreuungsaufwand erfordert, was zu vergleichsweise kürzeren Lebensdauern führt. Eine vorausschauende lebenszyklische Betrachtung und eine entsprechende Planung der Immobilie sind für eine langfristig wirtschaftliche Investition unumgänglich.

Abbildung 1 zeigt jedoch, dass für die strategisch relevantesten Phasen der Grundsatzentscheidung und der Projektplanung nur ein geringer Zeit- und Finanzaufwand vorgesehen ist, obwohl der ökologische, soziale und auch der ökonomische Erfolg des Projektes von der Qualität der Arbeit in diesen Phasen abhängt. Die negativen Auswirkungen dieser wirtschaftlichen „Pseudooptimierung“ tragen nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sie sind von gesamtgesellschaftlichem Belang.


2.1.2 Gebäudelebensdauer

Auch wenn sich die Funktionalität und Flexibilität der Immobilien in den letzten 100 Jahren entscheidend verbessert haben, die Lebenserwartung einer Immobilie in ihren Teilen und im Ganzen hat sich verkürzt. Es darf nicht mehr um Hightech- Funktionalität der fertigen Immobilie gehen: eine langfristige wirtschaftliche praktische Nutzung ist entscheidend – neue Paradigmen sind gefragt.

Aus Sicht der Nachhaltigkeit wird die Lebensdauer eines Gebäudes nur dann unerheblich, wenn das Bauwerk das System nicht belastet. Das wäre der Fall, wenn sein Material- und Energiebedarf aus erneuerbaren und/oder unerschöpflichen Quellen gedeckt wird und seine Rezyklierbarkeit gegeben ist. Werden diese Bedingungen nicht erfüllt, so ist das Gebäude möglichst belastungsarm und langlebig zu konzipieren.

Daher ist, ausgehend von der in der Immobilienbewertung üblich angenommenen Gebäudelebensdauer von 60 bis 80 Jahren je nach Konstruktionsweise, eine deutliche Steigerung der Lebenslänge anzustreben. Wie die Tabelle zeigt, befinden sich derzeit nur etwa 20% der Hauptwohnsitze Österreichs in Gebäuden, die älter als 80 Jahre sind.

2.1.3 Klimatologie

Die klimatischen Bedingungen in Österreich werden sich innerhalb der nächsten 100 Jahre entscheidend ändern. Aufgrund der Reduktion geschlossener Schnee- bzw. Gletscherdecken und des Speicherverhaltens der Gebirgsmassen wird im Alpenraum mit einer Erwärmung deutlich über dem globalen Schnitt gerechnet.2 Für die Sommermonate bedeutet das zunehmend längere Abfolgen von Tagen mit Maximaltemperaturen 30°C. Um 2100 sind Sommer mit mehr als 40 derartigen Tagen als Normalfall anzunehmen. Winterliche Extremperioden werden seltener und kürzer erwartet, mit dem Auftreten von Minimaltemperaturen, vergleichbar den heutigen, ist dennoch zu rechnen.3

Bedingt durch den Klimawandel und die Verknappung fossiler Energiequellen werden sich die Möglichkeiten der Energiebereitstellung ändern. Aus Sicht der Nachhaltigkeit ist ein dezentraler, regional optimierter Energiemix anzustreben,
mit minimierten Übertragungsverlusten, basierend auf land- und forstwirtschaftlicher Produktion und Nebenproduktion, Wind-, Solar- und geothermischer Energie, Prozessabwärme, thermischer Verwertung, Wasserkraft in reduziertem Umfang und neuen Technologien.
Auf die im Laufe einer Gebäudelebensdauer zu erwartenden, geänderten klimatischen und energetischen Randbedingungen ist bereits heute beim konzeptionellen Gebäudeentwurf und in der Haustechnikplanung zu reagieren.


2.2 Baukultur und ökologische Nachhaltigkeit

2.2.1 Vielfalt als Basis

Nachhaltig sind gebaute Strukturen dann, wenn sie ökologisch, ökonomisch und soziokulturell langfristige Perspektiven anbieten. Das kann nicht durch spezielle, singuläre Gebäudeeigenschaften erreicht werden, sondern aufgrund einer strukturellen Entsprechung des Gebauten mit einer konkreten räumlichen und gesellschaftlichen Situation, also einer lokalen Definition. Diese stiftet Identität durch Unverwechselbarkeit. Es entsteht eine unserem evolutionären System entsprechende Vielfalt als krasser Gegensatz zur Beliebigkeit des überall Verfügbaren.

2.2.2 Nachhaltigkeit als Entwurfsfaktor

Der Mensch mit seinen physiologischen und sozialen Bedürfnissen sowie seinen kulturellen und ästhetischen Fähigkeiten ist die zentrale, formgebende Größe nachhaltiger Architektur. Darüber hinaus bestimmen die konkreten Bedingungen eines Ortes, sein spezifisches Angebot an Material- und Energieressourcen, speziell an natürlichem Licht, die Gestalt der zu entwerfenden baulichen Struktur.

Weder Mensch noch Ort sind im Sinne nachhaltiger Architektur als konstante Gegebenheit zu begreifen, sondern als Veränderung, die in sich ähnelnden Zyklen abläuft. Gefordert sind daher Gebäude als ebenso veränderbare „bauliche Umhüllung von Lebensabläufen“.

2.2.3 Effiziente Haustechnik und intelligente Gebäudegestaltung

Die Gebäudehülle trennt das gegebene Außenklima vom nutzungsspezifischen Innenklima. Ihre bauphysikalische Gestaltung, die adäquate Formgebung des Gebäudes und die Nutzung der klimatischen Standortressourcen sind entscheidende Maßnahmen zur Erlangung von Energieeffizienz.

Haustechnische Maßnahmen leiten sich weitgehend aus der Gebäudegestaltung ab. Effiziente Haustechnik ist nur unter der Voraussetzung klimagerechter und funktionaler Gebäudegestaltung zu verwirklichen. Bei der Gestaltung politischer Lenkungsmaßnahmen für energieeffiziente Gebäude ist zu beachten: „Erst den Verbrauch drastisch reduzieren, dann den verbleibenden Restenergiebedarf mit effizienter Haustechnik auf Basis erneuerbarer Energieträger decken.“


2.2.4 Regionalität und Identifikation

Gebautes hat aufgrund seiner alle betreffenden Zeichenhaftigkeit großes Potenzial zur Identifikationsstiftung. Die Förderung hoher gestalterischer Qualität und lokaler Individualität ist daher kein Selbstzweck im Sinne einer Ästhetisierung, sondern ein integrativer Bestandteil der kulturellen Entwicklung, einer von vielen Beiträgen zur nachhaltigen Stärkung der Regionen.

3. Ist-Zustand – Diskussion österreichischer Spezifika Energie- und Materialstromanalysen

3.1 Kyoto-Protokoll

Österreich hat sich im Kyoto-Protokoll verpflichtet, seine Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2012 um 13% gegenüber dem Bemessungsjahr 1990 zu verringern. Im Jahr 2003 wurde jedoch ein Anstieg von 16,6% gegenüber 1990 verzeichnet. Damit ist Österreich seinem Reduktionsziel nicht nähergekommen und liegt um 23,2 Mio. t über dem Zielwert. Beim derzeit4 im Emissionszertifikathandel bezahlten Preis von 20 EUR/t entspricht das Kosten von EUR 464 Mio.5  

Der Grund für den Anstieg der österreichischen Emissionen liegt im Wesentlichen im steigenden fossilen Brennstoffeinsatz und damit zunehmenden CO
2-Emissionen.6

3.2 CO2-Einsparungspotenziale

Rund zwei Drittel der Treibhausgasemissionen sind durch die Energieerzeugung bedingt, es gilt daher die Entwicklung des Energieverbrauchs und des Energieträgermixes zu steuern. 2004 betrug der Anteil der Raumwärmeerzeugung an den gesamten Emissionen in Österreich 16%. Über den Betrachtungszeitraum 1990 bis 2004 blieb dieser Anteil annähend konstant; ein vergleichsweise milder Winter trug stark dazu bei, dass die Treibhausgasemissionen 2004 geringfügig sanken.7

Von 1990 bis 2003 hielten sich die treibenden Kräfte zur Emissionserhöhung (wachsende Zahl und Größe von Wohnungen) mit den emissionsmindernden Effekten (Wechsel von Kohle und Öl zu Gas, vermehrter Fernwärmebezug und verringerter Energieeinsatz pro Wohnfläche) in etwa die Waage.
8

Insgesamt verzeichnet in Österreich der Verkehrssektor die größten Steigerungsraten. Zwischen der Verkehrssteigerung und räumlichen Baustrukturen besteht ein direkter Zusammenhang: Freistehende Einfamilienhäuser, die in Österreich rund die Hälfte aller neu errichteten Wohnungen ausmachen, bedingen 87% des Flächenverbrauchs für neue Straßen.9 Das damit einhergehende Verkehrsaufkommen liegt auf der Hand. Die öffentliche Hand muss sich also überlegen, ob sie hier emissionssteigernde Strukturen weiter fördern will, während sie anderswo – sinnvollerweise! – durch Förderungen Anreize zur Emissionsminderung setzt.

3.3 Energiefluss

Österreichs Energieaufkommen wird zu fast 70% durch Importe gedeckt. Beim Endenergieeinsatz ist in Österreich die Verwendung für Raumheizung und Warmwasser mit rund 35% dominant.10 Bis 1999 war hierfür Heizöl der führende Energieträger, seit 2000 ist es Erdgas. Wohnungen, die mit festen Brennstoffen versorgt werden, nehmen kontinuierlich ab; so gab es bei Holz seit 1990 einen Rückgang um 20%. Gleichzeitig ist in den letzten Jahren kein relevanter Zugewinn bei Biomassekesseln zu verzeichnen.

Hinzuweisen ist auf eine österreichische Besonderheit: das Phänomen der erfolgreichen Selbstbaugruppen von Solaranlagen und auch von Hackschnitzelheizungen in den 1980er Jahren, welches bis heute Wirkung zeigt.

Insgesamt machen sich im Bereich von Raumheizung und Warmwasser die verbesserte Effizienz von Heizanlagen und bessere Wärmedämmung bemerkbar. Diese Effekte werden allerdings zum Teil vom steigenden Stromverbrauch in den Haushalten überlagert.


3.4 Neubau- und Sanierungstätigkeit

Rund 75% des Raumwärmebedarfs in Österreich fallen in Wohngebäuden an. Zwei Drittel der Bruttogeschoßfläche befinden sich in Gebäuden, die nach 1945 errichtet wurden und extrem schlechte thermische Qualität aufweisen. Der durchschnittliche jährliche Heizwärmebedarf im Baubestand bewegt sich zwischen 160 und über 300 kWh pro Quadratmeter Nutzfläche.

Im Vergleich dazu benötigt ein Neubau, der den geltenden Bauordnungen entspricht, derzeit ca. 70 kWh/m
2 jährlich. Hochwertige Gebäude kommen mit 15 kWh/m2a aus und sind damit um den Faktor 10 energiesparender als Bestandsgebäude. Sanierungen auf einem Level unter 40 kWh/m2a sind heute bereits wirtschaftlich darstellbar. Kann also der Schwerpunkt öffentlicher Förderungen weiterhin beim Neubau liegen, wenn der Wohnungsbestand in Österreich jährlich nur um etwa 1% zunimmt und der Schwerpunkt der Energieeinsparung daher im Gebäudebestand liegen muss?

3.5 Energieressourcen

Das wichtigste Instrument zur Beeinflussung des Energiebedarfs von Gebäuden ist die Wohnbauförderung. Hier ist kein Trend zu einer stärkeren Gewichtung der Sanierung erkennbar. Die Anzahl der Förderfälle zur thermischenergetischen Verbesserung ist kaum gestiegen.11

Noch unbefriedigender gestaltet sich die Situation bei Dienstleistungsgebäuden: hier ist die Sanierungsrate nur halb so groß wie im Wohnbau. Das Fördervolumen bei Dienstleistungsgebäuden betrug 2003 weniger als 1% der WBF-Sanierungsförderung. Der Energieverbrauch in diesem Sektor entspricht jedoch bereits 20% des Verbrauchs in Wohngebäuden. Außerdem liegt der Förderschwerpunkt bei der Reduktion des Wärmebedarfs, für die Reduktion des Strombedarfs gibt es keine Schwerpunkte – der Dienstleistungssektor weist aber stark steigenden Stromverbrauch auf.
12

Wesentliche Einsparungspotenziale bestehen auch beim optimierten Betrieb von Heizungsanlagen in allen Gebäudetypen: der Anteil von Wartungsverträgen ist niedrig, bislang sind kaum Instrumente wirksam, die auf die Verbesserung der Gesamtanlage abzielen.
13

3.6 Materialressourcen

Baustellenabfälle stagnieren in Österreich trotz des Wachstums im Bauwesen – ein positiver Effekt der gesetzten Maßnahmen im Bereich Recycling-Baustoffe, Deponie- und Baurestmassenverordnung. Heute fällt vor allem Bauschutt von Mauerwerksbauten an, für die Zukunft ist ein steigender, problematischer Anteil von Beton und Kunststoff zu erwarten.14

Die wirksamste Methode zur Vermeidung von Baumischabfällen ist die konsequente Trennung auf der Baustelle, die Recycling ermöglicht. Ein Verband für Abrissunternehmen und eine Richtlinie sowie ein Qualitätssicherungssystem für Abbrucharbeiten können ohne ordnungspolitische Maßnahmen bundesweit Mindeststandards für einen selektiven Rückbau festlegen und etablieren.

Zur Vorbildwirkung hat die öffentliche Hand als wesentlichster Auftraggeber im Baubereich die Möglichkeit, sich zu gewissen Prozentsätzen des Ersatzes von Primärbaustoffen durch Recycling-Baustoffe zu verpflichten. Weiters ist die Wohnbauförderung durch die Länder auf Kriterien der Kreislaufwirtschaft abzustellen. In den Bauordnungen sollte auf Rückbaubarkeit verstärkt Augenmerk gelegt werden.

Vor allem aber kann die Politik mit der Einführung eines Gebäudepasses die Chance ergreifen, ein über den Energieausweis hinausgehendes Instrument zu schaffen, das auch Informations- und Zertifizierungsgrundlage ist für ökologische Sanierungsmaßnahmen, für die Nutzungsverlängerung und den selektiven Rückbau.


3.7 Wasser

Bei unbefestigten und mit Vegetation bedeckten Flächen kommen bis etwa 20% des gefallenen Niederschlags auf den Oberflächen zum Abfluss. Bei Dächern, asphaltierten oder betonierten Flächen hingegen beträgt der Abflussanteil 90% bis 100%.

Durch die Versiegelung und die schnelle Entwässerung städtischer Oberflächen wird die hohe Dynamik der Niederschlagsintensität nahezu ungedämpft auf den Abfluss übertragen, sodass es erheblicher Anstrengungen bedarf, die sich verschärfenden Hochwassersituationen zu beherrschen. Die Versickerung von Regenwasser vor Ort wirkt sich in jedem Fall abflussvermindernd aus und entschärft die Abflussspitzen.
15

Die tägliche Neuversiegelung in Österreich beträgt derzeit 11 Hektar pro Tag mit steigender Tendenz. Dabei schlagen im Bauflächenbereich Einfamilienhäuser (die 49% der neu errichteten Wohnungen beherbergen) mit 87% des Verbrauchs zu Buche. Bedenkt man, dass gleichzeitig ca. ein Sechstel des Bauflächenbedarfs durch Flächenrevitalisierung gedeckt werden könnte,16 so erschließen sich politische Handlungsspielräume, die es zu nutzen gilt.



4. Politische Handlungsspielräume

4.1 Legistische Lenkungsinstrumente

4.1.1 EU-Richtlinien

Ziel der 2002 verabschiedeten EU-Richtlinie „Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden“ ist die umfassende energetische Verbesserung des Gebäudebestands der Gemeinschaft unter Berücksichtigung der jeweiligen klimatischen Bedingungen. Diese Richtlinie enthält Anforderungen zur Bewertungsmethode der Energieeffizienz, zu Mindeststandards für neue Gebäude und größere Renovierungen, zur Erstellung von Energieausweisen für Gebäude und zu regelmäßigen Inspektionen von Heizkesseln und Klimaanlagen.

Der von der Richtlinie geforderte Energieausweis (als erster Schritt zum umfassenden Gebäudepass) wird ein universell anwendbares Dokument zur Bewertung von Gebäuden sein, das in seiner objektiven Eindeutigkeit in diesem Maßstab noch ohne Vorbild ist! Die dadurch gegebene, objektive Vergleichbarkeit von Immobilien anhand ihrer Energieeffizienz – und der damit verbundenen Betriebskosten! – wird als Marketinginstrument die Immobilienwirtschaft maßgeblich beeinflussen.


4.1.2 Bauordnungen

Der EU-Energieausweis ist ein hervorragendes Instrument, um die Erlangung einer Baubewilligung an die Erreichung einer klar definierten Energieeffizienz zu knüpfen.

Seine Umsetzung in nationales Recht obliegt in Österreich weitgehend den Bundesländern. Dies könnte im Extremfall zu neun verschiedenen Energieausweisen führen. Damit liefe der Energieausweis Gefahr, zu einem bürokratischen Hemmnis statt zu einem umweltpolitischen Stimulans für die Bauwirtschaft zu werden. Es gibt jedoch Bestrebungen zur Harmonisierung mittels einer gesamtösterreichischen Muster-Bauordnung, die vom Österreichischen Institut für Bautechnik (OIB) erstellt wird.

Dieser bis 2006 anberaumte Prozess ist ins Stocken geraten, weil zwei Bundesländern die Einbindung des Energieausweises in eine geplante bundesweite Bauordnung zu weit geht. Nun wird Österreich von einer Klausel der EU-Richtlinie Gebrauch machen, die einen Aufschub der Implementierung der Richtlinie bis 2009 vorsieht. Wahrscheinlicher als eine harmonisierte Bauordnung, die den Energieausweis beinhaltet, scheint aktuell,
17 dass die Berechnungsmethoden für den Energieausweis in einer Reihe von Normen festgeschrieben werden, die sich derzeit in Überarbeitung befinden.

Wird also die Politik die Konsensfindung über das wichtige Steuerungsinstrument Energieausweis den Normungsgremien überlassen?


4.1.3 Normen und Leistungsbeschreibung Hochbau

Die Baunormen und die Leistungsbeschreibung Hochbau (LBH) sind im Allgemeinen die rechtsverbindliche Grundlage von Ausschreibungen – von privatem Wohnbau bis zu Industriebau und Sanierungsvorhaben aller Größenordnungen. Daher ist es schlicht unumgänglich, Richtlinien des nachhaltigen Bauens und speziell auch des Sanierens in die entsprechenden Normen zu gießen und geeignete Standards in die LBH aufzunehmen.

Nicht ordnungspolitische Maßnahmen sind hier gefragt, sondern die konkrete Umsetzung eines politischen Willens zur Nachhaltigkeit über Bundes- und Landesvertreter in den befassten Fachgremien.

Die öffentliche Hand ist der wesentlichste Auftraggeber im Baubereich. Ihre Vorbildwirkung verlangt die konsequente Anwendung der solcherart optimierten Normen und der LBH bei der eigenen Bautätigkeit von Bund, Ländern und Gemeinden. Dass diese Anwendung optimierter Normen und der LBH zudem unabdingbare Voraussetzung für die Vergabe von Förderungen im Baubereich sein muss, ist klar.

4.1.4 Förderungen

Knapp 80% aller Eigenheime in Österreich werden unter Inanspruchnahme von Wohnbauförderungsmitteln errichtet. Damit kommt der Wohnbauförderung eine eminente Bedeutung bei der quantitativen und qualitativen Steuerung der Wohnungsproduktion zu. 


Im internationalen Vergleich liegt Österreich mit seinen staatlichen Ausgaben für die Wohnbauförderung in der Höhe von ca. 1% des BIP im Mittelfeld und hinter Deutschland mit 2,1%, Schweden mit 2,7%,Großbritannien mit 2,6% oder den USA mit 1,6%. Seit 2001 wird die Wohnbauförderung auch als umweltpolitisches Steuerungselement eingesetzt.

Förderungen und fiskalische Erleichterungen sind Steuerungsinstrumente im Sinne der Nachhaltigkeit, wenn sie einen Ausgleich ökonomischer, ökologischer und soziokultureller Interessen herbeiführen. Empfohlen wird daher eine dahingehende Erweiterung der förderbaren Kriterien speziell im Bereich der Schonung von Raum und Infrastrukturen, der Planungsqualität, der Berücksichtigung demografischer Entwicklungen und klimatischer Veränderungen.

4.2 Bildung und ökologisches Bewusstsein

4.2.1 Bauschaffende

Im typischen Projektablauf, der in Österreich durch bestehende Honorar- und Gebührenordnungen mit zugehörigen Leistungsbildern seine Legitimation erhält, koordiniert ein Projektsteuerer – in aller Regel ArchitektInnen oder BaumeisterInnen – die beteiligten Gewerke. Die Einbindung von FachkonsulentInnen erfolgt meist nicht zeitgerecht, diese erbringen nacheinander ihre Leistungen. Dadurch ist die Koordination und Integration behindert. Es würden vielfache Überarbeitungen der bis dahin erbrachten Vorleistungen nötig. Aufgrund des Kosten- und Termindrucks werden diese jedoch meist unterlassen.

Gefordert ist die Einrichtung neuer Schnittstellen, die in der aktuell gelebten Planungspraxis nicht berücksichtigt werden. Eine sinnvoll vernetzte Planung ist
dadurch unmöglich. Häuser mit niedrigem Energiebedarf und hoher Wirtschaftlichkeit bedürfen daher einer geänderten Planungskultur. Dieser Paradigmenwechsel muss v.a. in der Aus- und Weiterbildung von ArchitektInnen bzw. BaumeisterInnen ansetzen, da diese von Anfang an in die Projektentwicklung eingebunden sind.

4.2.2 Öffentlicher Dienst

Bund, Länder und Gemeinden sind wie die privaten Eigentümer großer Immobilienportfolios dabei, ihre Immobilien als wirtschaftliche Güter zu sehen, sie zu entwickeln und ihren Betrieb zu professionalisieren. Der angestrebte langfristige Werterhalt bei guter Nutzbarkeit lässt sich nur durch nachhaltige Strategien erreichen: Die mit den Aufgaben des Bau- und Objektmanagements befassten Verantwortlichen des öffentlichen Bereichs benötigen dafür eine qualifizierte aufgabenspezifische Aus- und Weiterbildung: Damit werden sie zu Trägern eines neuen Bewusstseins.

4.2.3 Architekturdiskussion

Aus vielschichtigen sozialen, ökonomischen und auch rechtlichen Gründen sind Bauen und Gebautes mehr denn je eine individuelle und private Agenda als eine gemeinschaftliche Unternehmung. Das Bewusstsein dafür, dass umfangreiche Eingriffe in das System, wie beispielsweise durch das Bauen, prinzipiell alle Systemteilhaber betreffen, ist derzeit kaum vorhanden.

Es ist Voraussetzung und Ausgangspunkt für die Implementierung einer umfassenden Baukulturdiskussion, die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen privater Bauentscheidungen sichtbar zu machen. In Hinsicht auf die Nachhaltigkeit ist die ständige Konsensfindung und -kommunikation der Systemteilhaber über die grundsätzliche Entwicklung des Gebauten notwendig.

4.2.4 Öffentlichkeitsarbeit

Der vorliegende Baukulturreport ist eine gute Gelegenheit, die Öffentlichkeitsarbeit zu intensivieren. Mit der Präsentation des Reports könnte der „Tag der Baukultur“ ausgerufen werden. Damit entstünde eine Plattform, die auch mittel- und längerfristig der Etablierung von „Baukulturbewusstsein“ dienen würde. Der Vorschlag bietet einerseits die Möglichkeit, dass private und lokale Organisationen dies für ihre Netzwerkarbeit nutzen können und gleichzeitig in eine überregionale Aktion eingebunden wären. Andererseits ist ein solches institutionalisiertes Ereignis für Fach- als auch für Tagesmedien ein willkommener Anlass zur Berichterstattung. Damit ist es möglich, Vielfalt und Bedeutung von Baukultur und die Nutzbarkeit von gebauter Umwelt samt ihrer Nachhaltigkeit bewusst zu machen.

4.3 Forschungsförderung

Nachstehend erfolgt eine Listung besonders relevanter und beispielhafter Aspekte förderungswichtiger Forschung in den o.a. Themenkreisen.

4.3.1 Klimagerechtes Bauen

Bislang werden in der nationalen Forschungsförderung Themen des energieeffizienten und klimagerechten Bauens in der Programmlinie Haus der Zukunft des Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie – BMVIT erfolgreich bearbeitet. Stärker umsetzungsbezogen arbeitet seit 2005 die bis 2015 anberaumte Initiative klima:aktiv des Lebensministeriums. Neue, baukulturell relevante Fragestellungen ergeben sich gegenwärtig zu zwei Themen:

  • Energieeffiziente Sicherung der Sommertauglichkeit von Gebäuden unter verschärften Klimabedingungen angesichts des unvermeidlich stattfindenden Klimawandels (dies inkludiert auch die verwandten Themenkomplexe der Physiologie und Behaglichkeit, Tages-, Kunst- und Mischlichtmilieus)
  • Gestaltung des Ausschreibungs- und Vergabewesens inklusive der Sonderthemen des Wettbewerbswesens, der nachhaltigen Sanierung und der Planungsteambildung mit dem Ziel, das existierende Wissen um klimagerechtes Bauen auch tatsächlich effizient in die Planungsprozesse zu implementieren.


4.3.2 Regionale Material- und Energieressourcen


  • Verlängerung der Nutzungsdauer von Gebäuden und Bauteilen, Gebäudedesign zur schonenden Anpassung an geänderte Nutzungsformen
  • Einsatz verbesserter Baustoffe
  • Rückbau- und Verwertungsplanung
  • Sortenreine Trennungsmethoden beim Abbruch & Abbruchaufbereitung
  • Gründung eines Verbandes für Abrissunternehmen und Verabschiedung einer Richtlinie sowie eines Qualitätssicherungssystems für Abbrucharbeiten


4.3.3 Neubau versus Sanierung

  • Sanierungspotenziale in suburbanen Zonen der 1960er bis 1980er Jahre
  • Umnutzungspotenziale im Industrie- und Gewerbebau
  • Bewertungsmethoden als Entscheidungsbasis für Sanierung oder Neubau
  • Nutzungs- und Prozessablaufoptimierung im Altbau
  • behindertengerechte Sanierung


4.3.4 Förderungsoptimierung

  • Förderungskriterien für erhöhten Überhitzungsschutz
  • Förderungsmodelle zur Verdichtung und Nachverdichtung
  • Förderungsmodelle zur Integration kommunaler Kosten


4.3.5 Nachhaltigkeit industrieller Produktion

  • Entwicklung neuer Wege und Methoden der Kosteneinsparung beim Wohnungsneubau und bei Baumaßnahmen im Bestand
  • Entlastung des privaten Einkommens bei den Kosten des Wohnens bzw. der Bildung von Wohneigentum
  • Innovative Strategien im Planungsbereich, im Bausektor und in der Baufinanzierung können die Konkurrenzfähigkeit der Branche insgesamt erhöhen und damit auch ihre Beschäftigungspotenziale sichern.
  • Flexibler Wohnraum – welche Bauweise (massiv/leicht) wird den wechselnden NutzerInnenansprüchen am besten gerecht? Wichtige Faktoren dabei sind: steigende Mobilität, demografische Entwicklung, Arbeitswelt, Sozialstruktur, Sicherheitsbedürfnis usw.
  • Nachhaltige Wohnkonzepte benötigen individuelle Grundrisse. Vermögen industriell produzierte Wohnbauten flexibel auf künftige NutzerInnenanforderungen zu reagieren?
  • Sind Plusenergiegebäude industriell produzierbar?


4.3.6 Bauliche Gesamtstrukturen, Stadtentwicklung, Raumentwicklung

Technologischer und wirtschaftlicher Wandel zeitigt Auswirkungen auf Wohnen, Arbeiten und Mobilität. Motoren des Wandels sind:

  • Telematik, Verkehrstechnologien, Bautechniken und -verfahrenVeränderungen in den privaten Haushalten (Einkommensentwicklung / -verteilung, Arbeitslosigkeit, informelle Arbeit) und ihre Konsequenzen für Wohnbedürfnisse und Wohnformen; Ausgrenzung von Wohnungsteilmärkten;

Nachbarschaftsstrukturen und -konflikte; Mobilitätsverhalten etc. Vorausschauend sind dazu Konzepte erforderlich:

  • Implementierungs- und Umsetzungsoptimierung von städtebaulichen Maßnahmen
  • Partizipations- und Beteiligungsmodelle
  • Energetische Autarkie von Siedlungseinheiten
  • Annäherung von Immobilienwirtschaft und Raumplanung
  • Auswirkungen gesellschaftlicher Entwicklungen auf den aktuellen und künftigen Wohnbedarf, auf Wohnbedürfnisse, Standortentscheidungen und Mobilitätsverhalten
  • Konsequenzen für Gebäude- und Siedlungsplanung; Auswirkungen auf Flächenbedarf; neue Formen von Quartiers-, Gebäude- und Mobilitätsmanagement; Suburbanisierung der Arbeitsstätten in der Stadtregion; Verkehrsaufkommen  

 Fußnoten

  1. Der gebräuchlichere Begriff „Gebäudelebenszyklus“ ist irreführend, da die Material- und Energieflüssein Gebäuden heutigen Standards kaum zyklische Strukturen aufweisen.
  2. Vgl. Helga Krop-Kolb, Herbert Formayer: Schwarzbuch Klimawandel. Salzburg: ecowin 2005.
  3. Ebda.
  4. Stand 8.5.2006.
  5. Gemäß eines Beschlusses der EU-Umweltminister sind max. 50% der Kyoto-Ziele eines Mitgliedslands im Ausland erbringbar. Dazu stehen so genannte „Flexible Mechanismen“ zur Verfügung: zum einen können die etwa 10.000 betroffenen EU-Unternehmen der Eisen und Metall verarbeitenden Industrie, der Papierindustrie sowie Feuerungsanlagen, Kokereien und Raffinerien Emissionszertifikate an Warenbörsen handeln; zum anderen können die Mitgliedsstaaten durch Joint Implementation (JI) in Bulgarien, Lettland, Rumänien, Slowakei, Tschechische Republik, Ungarn und durch Clean Development Mechanism (CDM) in Entwicklungsländern CO2-Reduktionen auslagern.
    Österreichs gesamtes Reduktionsziel durch Flexible Mechanismen liegt bei 7 Mio. t, was Kosten von EUR 140 Mio. entspricht. Die tatsächlich in den Gastländern investierten Summen werden naturgemäß wesentlich höher ausfallen als die o.a. 20 EUR/t: Erfahrungen aus bereits konkret geplanten Projekten zeigen, dass der Anteil des CO
    2-Vertragswertes an den gesamten Projektkosten zwischen 5 und 10% liegt.
  6. Stand 8.5.2006.
    Die weiteren Treibhausgase H-FKW,HFC, FKW, PFC und SF6 sind durch entsprechende Verordnungen in Österreich ab spätestens 2008 verboten, in zahllosen Schallschutz-Isolierungen von Fenstern ist allerdings das gefährlichste Treibhausgas SF6 gebunden und wird erst in Zukunft emissionsrelevant.
  7. Vgl. Umweltbundesamt: Kyoto-Fortschrittsbericht Österreich 1990 – 2004 (Datenstand 2006), Wien 2006.
  8. Vgl. Österreichische Energieagentur im Auftrag des Lebensministeriums; Evaluierungsbericht zur Klimastrategie Österreichs 2005, auf Basis der Emissionsdaten bis einschließlich 2003, Wien 2005.
  9. Vgl. Umweltbundesamt: Flächenverbrauch Fachtagung 2004, Wien 2004.
  10. Vgl. Österreichische Energieagentur: Energiefluss Österreich 2000, Wien 2001.
  11. Vgl. Österreichische Energieagentur im Auftrag des Lebensministeriums: Evaluierungsbericht zur Klimastrategie Österreichs 2005, auf Basis der Emissionsdaten bis einschließlich 2003, Wien 2005.
  12. Ebda.
  13. Ebda.
  14. Vgl. Umweltbundesamt: Abfallvermeidung und -verwertung: Baurestmassen, Detailstudie zur Entwicklung einer Abfallvermeidungs- und -verwertungsstrategie für den Bundes-Abfallwirtschaftsplan 2006, Wien 2006.
  15. Vgl.Wolfgang Geiger, Herbert Dreiseitl: Neue Wege für das Regenwasser. München: Oldenbourg 1995.
  16. Vgl. Umweltbundesamt: Flächenverbrauch Fachtagung 2004, Wien 2004.
  17. Stand Juli 2006.
  18. Vgl. Karl Macho, Karl Schuster: Aufbau und Implementierung einer Qualitätskontrolle der Energieausweisberechnungen im Zuge der NÖ WBF EH; Masterthesis an der DUK, 2004.