Elemente einer gesamtheitlichen Baukultur

Soziale Aspekte der Nachhaltigkeit

Jens S. Dangschat

Im Rahmen des Konzeptes der Nachhaltigkeit spielen die sozialen Aspekte eine eher untergeordnete Rolle, geht es doch vor allem um den Schutz der Umwelt und dessen Finanzierbarkeit im Rahmen eines gesteuerten Marktsystems. Dass die „soziale Säule“ so schwach ist, hat drei Gründe: Es lassen sich kaum Konventionen für geeignete Schwellenwerte finden, weil 1) die sozialen Zusammenhänge nicht wie in den Natur- und Technikwissenschaften deterministisch sind und 2) weil in alle Diskussionen um Schwellenwerte deutlich normative Elemente eingehen, die zu diskutieren politisch nicht durchgestanden wird (wie viel Armut ist zumutbar?) sowie 3) weil aufgrund der Präferenzen der Forschungspolitiken der Wissensbestand in den Sozialwissenschaften nicht mit den dynamischen gesellschaftlichen Ausdifferenzierungen Schritt halten kann. Deshalb ist das Wissen über die Zusammenhänge und deren Steuerbarkeit eher dürftig.

Allgemein werden unter den sozialen Aspekten Fragen der Gerechtigkeit und Chancengleichheit verstanden, also Agenden aus der Sozial-, Bildungs-, Gesundheits-, Arbeitsmarkt- und Wohnungspolitik. In einer nachhaltig organisierten Gesellschaft verfügen alle Menschen über staatsbürgerliche Rechte, die ihnen einen freien Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem sichern und angemessene Wahlmöglichkeiten im Wohnungs- und Arbeitsmarkt eröffnen. Unter dem Druck, gesellschaftliche Kosten zunehmend zu externalisieren, wird die Gleichwertigkeit von Lebensbedingungen, d.h. die Erreichbarkeit zentraler Funktionen zwar noch immer gefordert, aber kaum noch gefördert und zunehmend weniger gewollt.

Die Siedlungsstrukturen sind also ein zentraler, die Baukultur betreffender Bereich nachhaltiger Entwicklung, der allerdings überwiegend unter ökologischen Gesichtspunkten als Flächeninanspruchnahme und Zerschneidung von Lebensräumen wahrgenommen wird. Hinter dem Flächenverbrauch – mit täglich über 21 Hektar mehr als zehnmal so viel, wie die Nachhaltigkeitsstrategie Österreichs
es fordert – stehen jedoch „gute Gründe“: ökonomische Vorteile, staatliche Anreiz- und Fördersysteme, Bürgermeister-Wettbewerbe um Ansiedlungen, Freiheiten der Standortwahl für Gewerbebetriebe und private Haushalte, Ideologien wie Mobilität und freistehendes Einfamilienhaus.

Das heißt, die seit den 1950er Jahren schrittweise entwickelten Siedlungsstrukturen zwingen oft zu nicht nachhaltigen Verhaltensweisen, resp. legen nicht-nachhaltige Verhaltensweisen zumindest nahe. Dennoch: Nicht jede/r reagiert gleich. Ein weiteres Element sozialer Aspekte nachhaltiger Siedlungsentwicklung sind daher die Verhaltensweisen unterschiedlicher Gruppen, die in der Regel über kulturelle Muster und Wertepräferenzen und nicht über klassische sozialwissenschaftliche Strukturmerkmale wie Alter, Bildung, Geschlecht oder Nationalität erklärt werden, die für die Statistik jedoch – und damit für die administrative Steuerung – „unsichtbar“ sind.

Ein Dilemma hat sich insofern gezeigt, als eine Aufklärung über Zusammenhänge der Umweltbelastung offensichtlich keinen positiven Einfluss auf ein umweltgerechtes Verhalten hat – eher umgekehrt. Dieses die Pädagogen frustrierende Paradoxon erklärt sich damit, dass die besser (Aus-)Gebildeten über andere Ressourcen verfügen, die eher umweltbelastend genutzt werden (Verkehrsmittelwahl, Aktionsraum, engeres Zeitbudget etc.).

Die EU ist mit ihrem „good governance“-Ansatz zwar bemüht, ihren Modernisierungskurs bei gleichzeitiger Wettbewerbsfähigkeit, mit sozialer Inklusion, mit der Bewahrung kultureller Differenziertheit und einem verbesserten Schutz der Umwelt einzuleiten. Dem steht jedoch eine fast ungebrochene Zunahme nicht-nachhaltiger Trends entgegen, die vor allem auf die Wirtschaftsweise, die demografischen Strukturen, die Work-Life-Balance, „neue Lebensstile“ und infolgedessen eine eher ungehemmte Siedlungsentwicklung zurückzuführen ist.