Rahmenbedingungen für die Produktion von Baukultur

Erwerbstätigkeit in der Architektur – ein hartes Pflaster

Hubert Eichmann und Sybille Reidl

Markt- und Konjunkturentwicklung

Die Akzeptanz für zeitgenössische Architektur steigt kontinuierlich – sichtbar z.B. an der Frequenz in der medialen Berichterstattung. Die konkrete Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Planungsleistung wächst ebenfalls, allerdings moderater.1 Die Umsatzstatistik der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich und Burgenland weist für den Zeitraum von 2000 bis 2004 einen nominellen Zuwachs von 14% aus, mit einer Delle im Jahr 2002 und gutem Wachstum 2004. Der Markt für Architekturleistungen hat sich dabei langsamer entwickelt als jener für Ingenieurkonsulenten.2






Die angeführten Daten können als einigermaßen repräsentativ für die Entwicklung in der österreichischen Architektur gelten, weil die Architektenkammer für Wien, NÖ und Burgenland Anfang 2006 ca. 50% oder 1.900 aller 3.805 österreichischen Kammermitglieder hält.3 Das verweist einerseits – und wenig überraschend – auf eine Ballung von ArchitektInnen im großstädtischen Raum, andererseits darauf, dass der Markt für Architektur in Wien angespannt ist. So haben etwa laut Mitgliederstatistik 37% der ausübenden, aber 44% der ArchitektInnen mit ruhend gestellter Planungsbefugnis ihren Unternehmensstandort in Wien bzw. arbeiten in Wien. Österreichweit ist die Anzahl der ausübenden ArchitektInnen mit Ziviltechnikerbefugnis zwischen 1995 und 2005 um etwa 20%, aber jene mit ruhender Befugnis um beinahe 50% gestiegen (Quelle: Bundeskammer der Architekten und Ingeneurkonsulenten). Das Verhältnis Ausübende/ Ruhende liegt in Wien bei unter 2:1; in den meisten Bundesländern ist es deutlich höher. Angesichts des von ExpertInnen bekundeten West-Ost-Gefälles bei der Akzeptanz für zeitgenössische Architektur (in Vorarlberg werden 20% der Einfamilienhäuser mit ArchitektInnen gebaut, in Gesamtösterreich nur 3%4) erscheint eine Entspannung des Wiener Architekturmarkts durch Nachfrageausweitung ins benachbarte „flache Land“ nicht ganz einfach.

Verfügbare Daten des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger zur Entwicklung der unselbstständigen Beschäftigung in NACE 74.2 (Architektur- und Ingenieurbüros) bestätigen zumindest für zwei Bundesländer uneinheitliche Trends. Ratzenböck et al. (2004) belegen im Zeitraum von 1998 bis 2002 für Wien nur ein geringes Beschäftigtenwachstum bei Dienstverträgen (inkl. geringfügige Beschäftigung und freie Dienstverträge). Dagegen wird für Tirol zwischen 1998 und 2003 ein Wachstum von 13,3% registriert, getragen allerdings vor allem von der Zunahme atypisch Beschäftigter (Kalmár et al. 2005). Die Tiroler Daten und jene von Mayerhofer/Huber (2005) für Wien ergeben weiters, dass Neugründungs- und Auflösungsraten in Architektur- und Ingenieurbüros sowie (damit korrespondierend) die Fluktuation bei den Arbeitsplätzen hoch ausfallen. So sind z.B. 48% der MitarbeiterInnen in Tiroler Architektur-/Ingenieurbüros kürzer als 6 Monate beim aktuellen Arbeitgeber beschäftigt, 18% zwischen 6 Monaten und einem Jahr und nur 34% zumindest seit einem Jahr.


Architektur als Feld von Mikrounternehmen und Selbstständigen

In den Statistiken ungenügend erfasst ist der Graubereich jener, die als HochschulabsolventInnen rechtlich selbstständig, aber ohne Ziviltechnikerbefugnis arbeiten: WerkvertragnehmerInnen, FreelancerInnen, GewerbescheininhaberInnen (z.B. als technische ZeichnerInnen). Diese Gruppe scheint (nicht nur in der Architektur) am stärksten zu wachsen. In unserer eigenen Online-Erhebung befragten wir im Jahr 2005 ca. 900 Erwerbstätige in den Wiener Kreativwirtschaftsbranchen Architektur, Grafik/Design, Film/Rundfunk, Software/Multimedia und Werbung (vgl. Reidl/Steyer 2006). Das Teilsample Architektur umfasst 170 Personen (davon 92% mit abgeschlossenem Studium) – davon sind 75% Solo- Selbstständige oder „Patchworker“ mit mehreren Beschäftigungen (wie viele im Sample über die Ziviltechnikerprüfung verfügen, wurde nicht abgefragt). Auch Mikrozensusdaten lassen auf eine weite Verbreitung von Selbstständigen schließen, die nicht in Kammerstatistiken erfasst sind. Eine Auszählung der Arbeitskräfteerhebung entlang der ISCO-Berufsklassifikation ergibt, dass 2005 in Österreich etwa 8.900 HochschulabsolventInnen der Architektur, Raum- und Verkehrsplanung (in Architekturbüros, aber auch in angrenzenden Bereichen bzw. im öffentlichen Dienst) erwerbstätig sind; davon sind 5.800 Selbstständige/ Mithelfende, nur 3.100 sind unselbstständig beschäftigt (außerdem: 6.100 Männer und 2.800 Frauen). Zum bestehenden akademischen Arbeitskraftangebot kommen aus Österreichs Hochschulen jährlich etwa 500 bis 600 AbsolventInnen der Studiengänge Architektur (technische Universitäten 2003: ca. 550; künstlerische Hochschulen 2004: ca. 30).5
Vor allem die junge Generation der ArchitekturabsolventInnen geht innovative Wege (oder muss diese gehen), um der Konkurrenz auszuweichen. Inhaltliche Erweiterungen zum klassischen Entwurfs- und Planungsprozess liegen etwa in Design/Grafik, Bauberatung oder generell in der Aufspaltung des Gesamtpakets der Architekturleistung (Beratung, Planung, Abwicklung, Bauleitung).
Auch in rechtlicher Hinsicht können oder wollen viele den Weg über die Ziviltechnikerbefugnis nicht beschreiten. Gearbeitet wird vermehrt entweder auf Basis von nur bedingt planungsberechtigenden, dafür leichter zugänglichen und günstigeren europäischen Lizenzen – oder ohne Befugnis (z.B. bei Zusammenschlüssen von Selbstständigen, wo lediglich ein Mitwirkender über eine ZT-Befugnis verfügt). Auch hinter vielen „ruhenden“ ArchitektInnen stehen zu niedrige Umsätze, um die Kammerbeiträge aufbringen zu können, weshalb das Beitragssystem umgangen wird. Die IG Architektur spricht weiters von 30% Kammermitgliedern, die mit ihren Beitragszahlungen in Verzug sind. Die österreichischen Vorschriften und Standesregeln würden mit den im europäischen Vergleich hohen Beiträgen und Versicherungsprämien besonders die kleinen Unternehmen drastisch benachteiligen.6

Ergänzend zu den bisherigen Ausführungen zeigen die Tabellen zur Umsatzverteilung (Kammermitglieder W, NÖ, B) bzw. zur österreichweiten Arbeitsstättenzählung (NACE 74.2), dass das Feld Architektur von Klein- und Kleinstunternehmen sowie von (formal) Selbstständigen geprägt ist. Im Jahr 2004 erwirtschafteten 59% der ostösterreichischen Architekturbüros weniger als EUR 150.000; davon jeweils 18% machten Umsätze bis zu EUR 35.000 bzw. zwischen EUR 35.000 und EUR 70.000. Immerhin 39% der Büros erreichten mittlere Umsätze bis zu EUR 1,5 Millionen, aber nur 21 Architekturbüros (2,1%) kamen auf einen Umsatz von mehr als EUR 1,5 Millionen. Formale und informelle Ausschlusskriterien in den Projektausschreibungen und Wettbewerben verfestigen diese Schere zwischen den vielen Kleinen und wenigen Großen der Branche.


Österreichweit existieren 2001 nur vier Architekturbüros mit mehr als 50 Beschäftigten (davon nur eines außerhalb Wiens). Entlang der gängigen EU-Definition sind 96,5% der Unternehmen „Kleinstbetriebe“ mit bis zu 9 Beschäftigten. Allerdings: In den verbleibenden 3,5% der größeren Unternehmen ist immerhin ein Drittel der gesamten Branchenbeschäftigung konzentriert. Insgesamt arbeiten 2001 etwa 12.400 Erwerbstätige in österreichischen Architekturbüros, darunter ca. 1/3 Frauen, wobei der Frauenanteil unter den BetriebsinhaberInnen nur knapp mehr als 10% beträgt. (Entlang der NACE-Branchengliederung werden neben der Berufsgruppe der ArchitektInnen alle weiteren Beschäftigten in den Unternehmen erfasst, d.h. auch Reinigungskräfte etc.) Unter anderem deshalb, weil zwei Drittel der akademisch ausgebildeten ArchitektInnen rechtlich selbstständig tätig sind, lässt sich von einer „Kultur der Selbstständigkeit“ in dieser Branche sprechen, die gleichsam den weiteren Takt für Berufsnormen, Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen vorgibt und als Berufsleitbild bereits im Studium vermittelt wird. Mit oder ohne Ziviltechnikerbefugnis, allein oder mit PartnerInnen wird die Etablierung eines eigenen Büros angestrebt – auch wenn sich die Berufsrealität dann für viele als Freelancing, d.h. faktisch abhängige Scheinselbstständigkeit entpuppt. Aufgrund der Wirksamkeit dieses Berufsleitbildes und des großen Andrangs ins Feld Architektur sind Festanstellungen von akademisch ausgebildeten ArchitektInnen außer in größeren Büros gleichsam ein Privileg.

Eine allgemeine Anerkennung des ArbeitnehmerInnenstatus ist deshalb unwahrscheinlich. In den „klassischen“ Architekturbüros mit bis zu 20 Beschäftigten fanden wir in unseren eigenen Erhebungen meist nur wenige Festangestellte bei einer größeren Anzahl an FreelancerInnen (freie Dienstverträge, Werkverträge, Gewerbeberechtigungen oder Personen ohne jegliches Vertragsverhältnis mit dem Auftraggeber). In den „jungen“ Büros, die als Zusammenschlüsse selbstständiger Partner entstanden sind, gibt es dagegen so gut wie keine Anstellungsverhältnisse. Andererseits: Wegen der oft ausgesprochen hierarchischen Verhältnisse in größeren Büros, mit den InhaberInnen an der Spitze und „Zeichenknechten“ am unteren Ende, streben nicht wenige ArchitekturabsolventInnen autonomere Arbeitssituationen an, wenngleich diese durch größere Unsicherheiten und mangelnde soziale Absicherung erkauft sind.
Instabile Auftragslagen, unsichere Beschäftigungsverhältnisse, schwankende und/oder teilweise prekäre Einkommen, lange Arbeitszeiten und hohe Arbeitsbelastungen sind im Architekturberuf verbreitet. All das wird in aller Regel in Kauf genommen, nicht zuletzt deshalb, weil die Berufsidentifikation außerordentlich hoch ist und die stärkste Antriebsquelle für viele in der Faszination für Architektur liegt (und nicht etwa in der Maximierung des Einkommens).

Einkommen, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen

ArchitektIn müsse man/frau rund um die Uhr sein, hörten wir bei unseren Recherchen in beinahe jedem Gespräch (Eichmann et al. 2006). Ohne eine gehörige Portion Selbstausbeutungsbereitschaft und allein nach ökonomischen Gesichtspunkten agierend, würde wohl ein Gutteil der kleinen Büros sofort zusperren.

Die Tabelle im Anschluss gibt die vom Rechnungshof ausgewiesenen Jahreseinkommen (vor Steuern) von selbstständigen ArchitektInnen und IngenieurInnen für 2001 wieder. 50% (Median) verdienen weniger als EUR 21.500 bzw. EUR 23.900.Für 25% bleibt das Jahreseinkommen (aus Architektur- und Ingenieurleistung) sogar unter EUR 10.000. Ebenfalls etwa 25% werden als Einkommenssteuer- Nullfälle gewertet, bleiben also unterhalb des steuerrelevanten Mindesteinkommens. Gleichzeitig liegt das arithmetische Mittel der Jahreseinkommen bei ArchitektInnen und IngenieurInnen viel höher – das verweist darauf, dass jene 25%, die mehr als EUR 51.000 bzw. EUR 56.500 verdienen, den Einkommens-
durchschnitt deutlich heben. Ein Teil der Architekturschaffenden kann also über den ausgeübten Beruf durchaus sehr gut leben. Die Streuung der individuellen Einkommen ist gleichzeitig groß, analog zur weiter oben dargestellten Verteilung der Jahresumsätze. Außerdem: selbstständige Frauen in der Architektur verdienen deutlich schlechter; ihr Medianeinkommen liegt bei EUR 10.000, jenes der Männer bei EUR 25.000.

Die Einkommen von selbstständigen Architekturschaffenden und IngenieurkonsulentInnen geraten in ein noch ungünstigeres Licht, wenn sie in Relation zu den langen Arbeitszeiten gesetzt werden. Laut Abfrage aus der Arbeitskräfteerhebung 2005 zur Berufsgruppe der ArchitektInnen geben Selbstständige im Durchschnitt wöchentliche „Normalarbeitszeiten“ von 52 Stunden an (unselbstständig Beschäftigte: 40 Stunden); Männer arbeiten 51, Frauen 40 Stunden. Rechnete man die ca. 20% Teilzeitbeschäftigten in der gesamten Branche 74.2 heraus, würde sich die Relation Einkommen/Arbeitszeit, also der Stundensatz, für viele noch weiter verschlechtern.

Die Befunde aus unserer eigenen Studie zu Einkommen und Arbeitszeiten, die zudem Vergleiche zwischen Angestellten, Solo-Selbstständigen und UnternehmerInnen (im Sinn von ArbeitgeberInnen) erlauben, bestätigen die bisherigen Ergebnisse: BüroinhaberInnen und (die wenigen) Angestellten verdienen deutlich besser als Ein-Personen-Unternehmen oder sonstige Selbstständige: jeweils knapp 45% der Solo-Selbstständigen und „Patchworker“ mit Mehrfachbeschäftigungen verdienen aus ihren Tätigkeiten im Feld Architektur unter EUR 12.000 netto im Jahr. 30% aller befragten ArchitektInnen beziehen u.a. deshalb ein Einkommen aus einer anderen Tätigkeit (verwandte Gewerbe, Lehre etc.). Diese Ergebnisse und zusätzlich durchgeführte Tiefeninterviews lassen erkennen, dass der Wiener Arbeitsmarkt für Architektur (und Grafik/Design) ein besonders hartes Pflaster ist, etwa gegenüber Beschäftigten im IT-Sektor.

Die Konkurrenz um Aufträge ist insbesondere bei kleineren Büros groß. Wird in der aufwändigen Auftragsakquisition ein Kunde und/oder – selten genug – ein Wettbewerb gewonnen, binden die Projektdurchführung und die damit einhergehende Verantwortung die vorhandenen Ressourcen. Ist der Planungsauftrag absolviert, fehlen oft Nachfolgeprojekte, und der Existenzkampf beginnt von Neuem.  

Eben deshalb berichten mehrere Befragte von Nischenstrategien, Selbstbindungen an Hauptauftraggeber (z.B. Handelsketten) oder einkommenssichernde Zweittätigkeiten (die in puncto Einkommen oft Haupttätigkeiten sind), um ökonomisch über die Runden zu kommen.


Anhand einiger Häufigkeitsverteilungen aus unserer Studie wollen wir die nicht unbedingt rosigen Bedingungen in der Wiener Architektur weiter verdeutlichen. Dabei kann etwas generalisierend gelten: in den Feldern Architektur und (mit etwas Abstand) Grafik/Design und der privaten Filmwirtschaft, wo Ansprüche an künstlerisch-kreative Leistungen das Berufsbild prägen – Stichwort Baukultur –, was zu einem Gutteil den großen Andrang von NeueinsteigerInnen erklärt, sind Selbstständigkeit und damit korrespondierend prekäre soziale Lagen am weitesten verbreitet. Etwa 70% der Befragten aus dem Feld Architektur nennen gestiegenen Wettbewerbsdruck, geringe Planbarkeit aufgrund der unsicheren Auftragslage sowie eine immer geringere Honorierung der eigenen Leistungen. Befragte aus der Architekturbranche liegen weiters jeweils voran (allein oder ex aequo), wenn es um Belastungen in puncto Auftragsakquisition, Einkommensunsicherheit, Abhängigkeit von Auftraggebern, Konkurrenzdruck, unklare Karriereperspektiven, lange Arbeitszeiten sowie das Verhältnis von Arbeitszeit und Privatleben geht. Nur etwa ein Drittel ist mit dem bisherigen Karriereverlauf zufrieden, dennoch fällt eine im Vergleich zu anderen Berufsgruppen besondere Verbundenheit zur Profession Architektur auf. Über die Hälfte gab an, ausschließlich an einer Tätigkeit in der Architektur interessiert zu sein und dafür Nachteile in Kauf zu nehmen.

Auffallende Positivnennungen betreffen die Würdigung des Standortes Wien als Imageträger für Architektur (im internationalen Vergleich) sowie das innovative Wiener Architekturmilieu. Unter anderem deshalb ist man/frau ja nach Wien gezogen. Kleiner Wermutstropfen dabei: Die eigene Interessenvertretung
schneidet bei der Berufsgruppe alles andere als gut ab. Nur 14% sind mit den Leistungen der Architektenkammer zufrieden. Gefordert werden a) Serviceleistungen, b) Lobbying für die Verbesserung von Rahmenbedingungen, c) Imagebildung für die Berufsgruppe und d) vor allem Solidarität, Transparenz und Vertretung der Interessen aller Kammermitglieder, d.h. auch der umsatzschwachen.

Schlussfolgerungen

Abschließend wollen wir zwei ausgewählte Problemfelder in der Profession Architektur nochmals kurz aufgreifen:

Wie in anderen Berufszweigen der Kreativwirtschaft wird die an sich erfreuliche Bereitschaft zur Selbstständigkeit (teilweise auch mangels Alternativen) vielen Architekturschaffenden zum Problem. Atypische Beschäftigung, Scheinselbstständigkeit und Mikrounternehmen mit geringen Umsätzen sind in der Architektur nicht Ausnahmen, sondern beinahe die Regel.

1. Soziale Absicherung

Viele StudienabsolventInnen erlangen die Ziviltechnikerbefugnis erst gar nicht oder stellen ihre Planungsbefugnis wegen der für sie zu hohen Kammerbeiträge ruhend und arbeiten als formal Selbstständige mit oft unzureichender sozialer Absicherung in unterschiedlichen Kontexten. Kleinere Büros könnten ohne FreelancerInnen vermutlich gar nicht überleben. So beziehen etwa 30% aus unserem Architektursample Mittel aus der Künstlersozialversicherung. Die Frage nach einer nachhaltigeren sozialen Absicherung – v.a. gegen Arbeits- und Auftragslosigkeit – drängt sich nicht nur für Selbstständige in der Architektur auf; die Schwierigkeiten der Durchsetzbarkeit einer solidarischen Sozialversicherung sind dabei aufgrund der Konkurrenzsituation evident. Weiters ist Solo-Selbstständigen bzw. jenen, die es auch bleiben wollen, mit den üblichen KMU- oder Jungunternehmerförderungen, die auf Unternehmenswachstum abzielen, nur wenig geholfen. Angesichts des steigenden Anteils gering entlohnter und sozial schlecht abgesicherter Selbstständiger in unterschiedlichsten Branchen ist deren Integration in ein allgemeines Sozialversicherungssystem, das auch gegen Arbeitslosigkeit schützt und zudem Grundsicherungselemente enthält (wie z.B. in Schweden)7, wohl unumgänglich. Wobei: Leistungen aus einer Grundsicherung müssen an Bedingungen geknüpft sein und dürfen nicht auf „Künstlergruppen“ oder Selbstständige beschränkt sein.

2. Berufsleitbild

Neben dem Überangebot an qualifizierten Arbeitskräften spielt in der Architektur auch das Festhalten an tradierten Mythen eine Rolle: Vorbilder sind die meist schon älteren Stars in der Szene, weshalb lange Jahre mit unklarem Status faktisch akzeptiert sind. Das einseitige Berufsleitbild des freiberuflich Architekturschaffenden mit Planungsbefugnis und eigenem Büro wird schon in der Ausbildung habitualisiert. Inszenierungen als PlanungskünstlerIn vermitteln weiterhin ein Berufsideal, das in der Berufspraxis kaum realisierbar ist. In vielen Büros werden kontinuierliche professionelle Dienstleistungen weit mehr geschätzt als (nur selten benötigte) kreative Höchstleistungen. Wohl nicht zufällig äußern zwei Drittel der von uns befragten Wiener Architekturschaffenden Weiterbildungsbedarf bei Projektmanagement und betriebswirtschaftlichen Kompetenzen. Die Schere zwischen der Planung von Flughäfen im Studium und der späteren Realität – 3-D-ZeichnerIn, Baustellenorganisation, Einfamilienhausplanung oder Innenraumgestaltung – ist nicht immer leicht zu verkraften; am ehesten noch in der Selbstständigkeit (allein oder im Kollektiv), im Vertrauen auf größere Freiheitsspielräume. Natürlich werden „Berufene“ wohl immer bereit sein, für die kontinuierliche Verfolgung ihrer Ideale materielle Einbußen hinzunehmen. Gleichzeitig ist einer Mehrheit der (zukünftigen) Architekturschaffenden zu wünschen, dass die Ausdifferenzierung von Studiengängen (FH, Bakk. etc.) praxisnähere Berufsleitbilder und bessere Berufschancen mit früheren Einstiegen mit sich bringt. Auch die enge Fokussierung auf die Ziviltechnikerbefugnis (inklusive der eigenartigen Regelungen für Praxiszeiten), die ja möglichst mehr als ein bloßes Regulierungsinstrument zum Schutz vor unliebsamer Konkurrenz sein sollte, ist nicht nur angesichts der EU-Integration zu hinterfragen und könnte ebenfalls entlang von fachlichen Spezialisierungen etc. modularisiert werden.  

Fussnoten

  1. In diesem Text beschränken wir uns auf die Situation in Österreich. Internationale Vergleiche liefern z.B. die Beiträge von Ratzenböck/Lehner in Heft 5, Kapitel 2 oder Pendl in diesem Heft, Kapitel 2.
  2. Ähnliches ergibt die von der Sparte Information & Consulting der Wirtschaftskammer regelmäßig und bundesweit durchgeführte Konjunkturbeobachtung für den Fachverband der technischen Büros und Ingenieurbüros, der etwa 3.300 Mitglieder zählt. Dort wurden seit 2002/2003 jährliche Wachstumsraten zwischen 4,8 % und 7,2 % registriert, mit Exportquoten von 15-20 % (in größeren Büros) (KMU Forschung Austria 2006). Nominelle Umsatzzuwächse (bis zum Jahr 2003) bei den etwa 11.400 Unternehmen in NACE 74.2 (Architektur- und Ingenieurbüros) weist auch die Leistungs- und Strukturstatistik der Statistik Austria (2005) aus.
  3. Insgesamt, d.h. inkl. der IngenieurkonsulentInnen, werden auf der Kammerwebsite mit Anfang 2006 in Österreich 6.981 ZiviltechnikerInnen registriert, davon 4.728 ausübende und 2.253 mit ruhender Befugnis. Quelle:www.arching.at/bund/bund/besucher/kammer/technik.htm
  4. Ratzenböck et al. 2004, S. 53.
  5. creativ wirtschaft austria 2006, S. 174 f; vgl. dazu genauere Daten im Beitrag 6.8 von Christian Kühn.
  6. Aussendung der IG Architektur vom 25.11.2003, vgl. z.B. http://ig-architektur.server.scalar.at/cms2/d/media/presse/iga_aussendung_ztg_20031125.pdf
  7. Vgl. Schulze-Buschoff/Schmidt 2006 für den europäischen Vergleich von Sozialversicherungssystemen für Selbstständige.

Literatur

creativ wirtschaft austria (2006): Zweiter Österreichischer Kreativwirtschaftsbericht; www.creativwirtschaft.at/


Eichmann, Hubert / Reidl, Sybille / Schiffbänker Helene /Z ingerle, Markus(2006): Kunst-Dienst-Leistung.


Innenansichten zur Arbeit in den Wiener Creative Industries; www.forba.at/kreativbranchen-wien/bericht3.pdf


Kalmár, M. / Kernbeiß, G. / Lehner, U. / Löffler, R. Wagner-Pinter, M. (2005): Kreativwirtschaft: Nutzt Tirol seine Chancen? Innsbruck: Zukunftszentrum Tirol.


KMU Forschung Austria (2006): Sparte Information und Consulting. Konjunkturbericht 2006; www.kmuforschung.ac.at


Mayerhofer, Peter / Huber, Peter (2005): Arbeitsplatzeffekte und Betriebsdynamiken in den Wiener „Creative Industries“; Working Paper 3, WWTF-Projekt „CI in Vienna: Development, Dynamics and Potentials“; www.wu-wien.ac.at/inst/geschichte/Projekt_Homepage/frameset.html


Ratzenböck, V. / Demel, K. / Harauer, R. / Landsteiner, G. / Falk, R. / Leo, H. / Schwarz, G. (2004): Untersuchung des ökonomischen Potenzials der „Creative Industries“ in Wien; www.creativeindustries.at (25.08.2004) Rechnungshof (2004): Bericht gemäß Art 1 § 8 Bezügebegrenzungsgesetz BGBl. I Nr. 64/1997 für die Jahre 2002 und 2003. Quelle: www.rechnungshof.gv.at


Reidl, Sybille / Steyer, Franziska (2006): Zwischen Unabhängigkeit und Zukunftsangst. Quantitative Ergebnisse zur Arbeit in den Wiener Creative Industries; www.forba.at/kreativbranchen-wien/bericht3.pdf


Schulze-Buschoff, Karin/Schmidt, Claudia (2006): Allein, flexibel und mobil. Solo-Selbstständigkeit nimmt in Europa stark zu; in:WZW-Mitteilungen Heft 112.


Statistik Austria (2004): Arbeitsstättenzählung 2001.


Statistik Austria (2005): Leistungs- und Strukturstatistik Dienstleistungen 2003.