Rahmenbedingungen für die Produktion von Baukultur

Berufsbild und Berufszugang im europäischen Vergleich

Georg Pendl

Intro

Wie in vielen Fragestellungen ist das Stichwort „im europäischen Vergleich“ kein einfaches. Auf dem Sektor der Architektur gibt es derzeit nur wenig Material und systematische Studien. Lediglich eine Studie der katalanischen Kammer aus dem Jahr 2003 gibt auf 79 Seiten einen groben Überblick über die genannten Fragestellungen. Grundlage dafür war ein Fragebogen, der an die nationalen Interessenvertretungen versandt worden ist.
Die Arbeit ist eine hervorragende Grundlage auf diesem Gebiet, jedoch andererseits nur ein Anfang, sie zeigt zugleich die Probleme bei derartigen Vergleichen auf: Die Fragen werden vor dem kulturellen Hintergrund des Fragestellers formuliert, die Antworten werden vor jenem des Antworters gegeben. Damit sind hier einige Unschärfen enthalten.
Schon der Begriff ArchitektIn ist unterschiedlich belegt. In Finnland erwirbt man diese Bezeichnung mit dem Diplom (anstelle DiplomingeneurIn), in Österreich versteht man darunter freiberuflich selbstständige Architekturschaffende. Dazwischen gibt es alle denkbaren Abstufungen. Das Arbeitsfeld ist ähnlich verschieden, ein Projekt vollständig betreuen heißt somit auch Verschiedenes.

Dieser Exkurs soll nicht den Wert der spanischen Studie schmälern, sondern nur aufzeigen, dass eine intensive Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Situationen nur durch intensive und persönliche Recherche möglich ist.


Hintergrund – Grundsätzliches – Begriffliches

Die europäischen Länder haben auf engem Raum eine Vielzahl von grundlegend verschiedenen kulturellen Traditionen. Dies wirkt sich gerade bei der Regelung der Berufe und ihrer Zugänge vehement aus. Es führt jedoch auch dazu, dass Systeme und Regelungen, die in einem Land bestehen, nur mit erheblichen Schwierigkeiten auf andere Länder übertragbar sind, sofern dies überhaupt möglich ist.

Dazu kommen zusätzlich sprachliche Probleme. Während im deutschsprachigen Kulturkreis z.B. die Begriffe „Planung“ und „Ausführung“ die umfassende Erstellung von zeichnerischen und textlichen Anweisungen und Festlegungen zur Beschreibung und Definition eines Projekts bedeuten und der Begriff Ausführung die Verwirklichung des Bauwerks 1:1, so wird dies in anderen Ländern in der Weise verstanden, dass Ausführung das meint, was wir als Ausführungs-, (Detail-) Planung begreifen.
So besteht beispielsweise in Italien die vergaberechtliche Usance, nach einem gewonnenen Architekturwettbewerb die Planung bis zur Erstellung der für die baurechtlichen Genehmigungen notwendigen Unterlagen zu beauftragen, die weiterführende Detail- und Ausführungsplanung jedoch über den Preis als alleiniges Kriterium zu vergeben.

Arbeitsfeld

Im europäischen Vergleich haben die österreichischen Architekturschaffenden zusammen mit jenen aus der Schweiz und aus Deutschland das umfassendste Arbeitsfeld. Zugleich haben ArchitektInnen in diesen Ländern und hier insbesondere in Österreich aufgrund ihres Status als ZiviltechnikerInnen die weitestgehende öffentliche Anerkennung.
ArchitektInnen übernehmen in Österreich die gesamte Palette vom Vorentwurf über Erstellung der für die baurechtlichen Bewilligungen erforderlichen Unterlagen, die Ausführungsplanung, die Erstellung der Kostenberechnungsunterlagen, die Durchführung der materiellen Vergaben, die Oberleitungstätigkeiten der Ausführung sowie – dies jedoch bereits als Add-on zur Planungstätigkeit, somit nicht Teil der Entität, sondern Zusatz – die örtliche Bauaufsicht.

Darüber hinaus übernimmt der Architekt auch Generalplanungen, ist also erste Adresse und erster Verantwortlicher für alle erforderlichen Planungssparten. Dazu kommen noch Bereiche wie Urbanismus, Außenanlagengestaltung, Innenarchitektur, Projektentwicklung.

Ein derart umfassendes Arbeitsfeld haben Architekturschaffende in Europa nur in wenigen anderen Ländern, etwa in der Schweiz, in Deutschland, Spanien und, mit Einschränkungen, in Italien. Einen besonderen Status haben Architektur-schaffende in Österreich in ihrer Eigenschaft als ZiviltechnikerInnen, die ihnen hoheitliche Aufgaben überträgt. Das Anfertigen von Fertigstellungsanzeigen, die Bestätigung der plangerechten Ausführung von baulichen Anlagen verlagern die Verantwortung und auch die Verantwortlichkeit von der Behörde auf die ZiviltechnikerInnen.


Dies ist bedeutend bezüglich der Stellung der ArchitektInnen im Bausektor: Es führt im Vergleich zu anderen Ländern zu einem hohen Maß an Credibility im Baugeschehen und insbesondere gegenüber den Behörden und erfordert zugleich ein hohes Maß an Verantwortung und sorgsamen Umgang in der Arbeit. Zudem zeigen Beispiele von Splitting der Arbeit der ArchitektInnen auf mehrere verschiedene Dienstleister, dass hohe baukünstlerische Qualität nur bei durchgehender Verantwortung, Planungshoheit und Kontrolle erreicht wird.


Auch die Entwicklung in Österreich zeigt hier jedoch eine Tendenz zur Reduktion des Arbeitsfeldes der ArchitektInnen. Dies resultiert zum einen vielleicht aus einer gewissen Unlust an der Beschäftigung mit den für die tatsächliche Umsetzung notwendigen Arbeiten und der Erstellung der dafür notwendigen Planunterlagen, zum anderen jedoch aus dem stärker gewordenen rechtlichen Druck. Professionelle Auftraggeber neigen vermehrt dazu, im Falle von Bauschäden oder anderen späteren Problemen grundsätzlich alle am Entstehungsprozess Beteiligten zu belangen und im Zuge der Rechtsfindung die jeweiligen Anteile von Sachverständigen und Gerichten ermitteln zu lassen. Da viele derartige Kalamitäten multifaktoriell sind und die Kausalität oft nicht eindeutig zu ermitteln ist, entsteht hier ein unseliges negatives Gießkannenprinzip. Getoppt wird diese Entwicklung noch durch den nahezu wettbewerbsfreien Versicherungsmarkt sowie eine gerade für KMUs folgenschwere Tendenz zur Eliminierung der Selbstbehalte und dem Splitting von Schäden in mehrere kleinere unter dieser Selbstbehaltsschwelle. Dies führt zunehmend dazu, dass sich die ArchitektInnen zumeist aus der Bauleitung zurückziehen.


Die Rolle der Ausbildungsstätten ist hier von grundlegender Bedeutung. Dies nicht nur bezüglich des vermittelten Lehrinhaltes, sondern insbesondere bezüglich der Vermittlung des Bewusstseins über das nicht thematisierte Wissen.


Manche ausführungsbezogene Kenntnisse werden an der Universität weniger vermittelt, sind jedoch für die konkrete praktische Tätigkeit notwendig. Notwendig ist dann zumindest das Wissen über den Mangel dieser Kenntnisse. Anders gesagt, wesentlich ist die Vermittlung des Berufsbildes und seiner Herausforderungen.


Architekturrichtlinie

Die Architekturrichtlinie regelt grundsätzlich europaweit den Zugang zum Beruf des Architekten. Sie definiert die Qualifikation durch das Absolvieren eines Studiums, das an einer der taxativ aufgezählten Universitäten und Hochschulen zu absolvieren ist. Jedes Diplom ist hier angeführt. Bis dato und im Rahmen einer Übergangszeit bis Ende 2008 werden diese bzw. neue Diplome durch den beratenden Ausschuss geprüft. Nach vollständiger Installierung der neuen Richtlinie aus dem Jahr 2003 erfolgt diese Prüfung durch einen Komitologieausschuss, der den Rat von auf dem Feld des Berufs Qualifizierten nur als solchen anhören kann. Insofern kann hier mit einer Erleichterung bezüglich der Prüfung neuer Diplome gerechnet werden. Dies kann eine Erosion des Systems in Richtung Senkung der Ausbildungsqualität bedeuten.


Die Qualität der Architekturdiplome ist auf europäischem Niveau im Rahmen geringer Abweichungen durchaus kompatibel. Eine gewisse Einschränkung mag hier nach Meinung des Verfassers für Diplome von Fachhochschulen gelten, da in diesen Ausbildungsgängen der Anteil der Entwurfslehre wesentlich geringer ist. Nun mag hier der individuelle Einsatz von Lehrenden fallweise einen Ausgleich schaffen, jedoch gehen derartige Regelungen doch immer von einem „durchschnittlichen“ Einsatz der Lehrenden aus, legen gleichsam eine Tendenz fest.


Die Architekturrichtline ist Grundlage für die wechselseitige Anerkennung des Berufs. Es können keine weiteren Hürden im Dienstleistungsverkehr errichtet werden. Dies ist eine klare und einfache Regelung.


Anzumerken ist hier, dass der Architekturberuf – und prominente Beispiele belegen dies – durchaus auch abseits der Universität erlernt werden kann. Das Konzept, Architektur als Wissenschaft zu sehen, mit Forschung und Lehre, eingebettet in universitäre Strukturen und Traditionen, ist sicher ein guter Weg.


Architektur kann aber auch ein Lehrberuf sein. Dies ist nicht als Regel, jedoch als Ausnahme durchaus möglich. Eine Berücksichtigung dieses Phänomens in der gesetzlichen Regelung des Berufszuganges ist notwendig.

Bedeutung der Anerkennung – SIM-Direktive

Die Anerkennung des Berufs und damit die Zulassung zur Berufsausübung hat in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Bedeutung. Das Arbeitsfeld der ArchitektInnen richtet sich derzeit nach den im Gastland geltenden Regeln und dem entsprechenden Arbeitsfeld. Dies kann für ArchitektInnen aus Ländern mit einem weiteren Arbeitsfeld zu Einschränkungen führen. Die wirklichen Hindernisse der Berufsausübung zeigen sich nicht auf dem Feld der Anerkennung des Berufs an sich, sondern in konkreten Hemmnissen im administrativen Sektor, bei Bewilligungsverfahren etc.

ArchitektIn sein bedeutet, wie oben ausgeführt, Unterschiedliches, unterschiedliche Kompetenz und Reichweite.


Ein Vergleich: Der Erwerb eines Führerscheins berechtigt in allen Ländern Europas zum Lenken eines Kraftfahrzeuges (meines Wissens ähnlicher Größenordnung), die Anerkennung als Architekt und die Berufsbezeichnung mag jedoch in manchen Ländern mit der Berechtigung zum Lenken eines Mopeds vergleichbar sein.


Die berufliche Qualifizierung 

Österreich hat die anspruchvollste Regelung des Zugangs zum Architekturberuf. Studium, 3 Jahre Praxis in einem Dienstverhältnis, eine Prüfung sowie die Vereidigung sind Voraussetzung dafür. Zudem ist die Mitgliedschaft in der Kammer obligatorisch, eingeschlossen die Verpflichtung zur Teilnahme am Pensionssystem der Kammer, der Wohlfahrtseinrichtung.

In einigen europäischen Ländern ist der Zugang zum Beruf gar nicht geregelt, etwa in Irland, Holland, Finnland, Dänemark, Schweden und in der Schweiz. In manchen davon ist die Berufsbezeichnung oder der Begriff Architekt geschützt (Niederlande), als Titel geschützt (Finnland), die Berufsausübung jedoch nicht an Voraussetzungen geknüpft. In anderen Ländern gibt es keine Praxiszeit, jedoch eine Prüfung (Italien), in wieder anderen Praxiszeit, jedoch keine Prüfung (Deutschland).

Bedeutsam ist die konkrete Arbeitssituation in den verschiedenen Ländern. In Ländern mit reguliertem Berufszugang wird konsequenterweise davon ausgegangen, dass der Architekt kompetent ist. In Ländern, in welchen das Planungsrecht frei ist, jede beliebige Person planen darf, wird davon nicht ausgegangen. So erfordert z.B. ein Bauansuchen in Finnland wesentlich genauere Angaben als in Österreich, insbesondere im Planungsbereich. Darüber hinaus wird nicht nur das Bauansuchen genehmigt, auch die Detailpläne werden von der Behörde geprüft und gestempelt. Nachdem keine generelle Qualitätsprüfung der PlanerInnen erfolgt, geschieht diese im Sinne des Konsumentenschutzes individuell am Projekt. Das Gleiche gilt hier im Übrigen auch für die ausführenden Professionisten. Dies führt zu ausführlichen Abnahme- und Kontrollverfahren.

Ergänzend sei noch auf eine Usance in Finnland verwiesen. Gebäude höherer Komplexität und Schwierigkeit können nicht von jeder beliebigen Person geplant werden. Hier hilft jedoch auch kein Architekturdiplom. Bei solchen Bauaufgaben prüft die Baubehörde aufgrund von Referenzen die Fähigkeit des Planenden zur Bewältigung der Aufgabe. Diese Vorgehensweise mag nun in einem Land angehen, in dem vom absolut korrekten Verhalten einzelner Beamter ausgegangen wird, übertragen auf andere europäische Länder (Österreich durchaus eingeschlossen) wäre eine solches Verfahren schlichtweg undenkbar. Das Beispiel soll zeigen, dass verschiedene Methoden in unterschiedlichen kulturellen Kontexten machbar sind, schon das Verständnis derselben jedoch nur in Kenntnis dieser kulturellen Rahmenbedingungen möglich und die Übertragbarkeit nur sehr begrenzt ist.

In Österreich hat sich die Hürde der Praxiszeit zu einem tatsächlichen Hemmnis beim Berufszugang entwickelt. Die derzeit geforderte Absolvierung der Praxiszeit im Rahmen bestimmter sozialversicherungsrechtlicher Bedingungen, gekoppelt mit dem Umstand dass solche Arbeitsverhältnissee nicht ausreichend gefunden werden können, führt dazu, dass BerufsanwärterInnen die erforderliche Praxiszeit nicht nachzuweisen imstande sind. Verschärft wird diese Situation noch durch den Umstand, dass während der Praxiszeit geleistete Beitragszahlungen zum ASVG-Pensionssystem derzeit verloren gehen, da niemals die für die Auszahlung einer Pension geforderte Mindestbeitragsdauer (180 Monate) erreicht wird. Somit gehen hier nicht unerhebliche Beträge für den Einzelnen verloren.


Ergänzend sei erwähnt, dass Österreich das einzige Land in der europäischen Union ist, in dem AbsolventInnen einer Architekturausbildungsstätte nicht die Berufsbezeichnung „ArchitektIn“ führen dürfen, da diese den Kammermitgliedern vorbehalten ist. Aus diesen Gründen ist ein Graubereich entstanden.
Selbstständig arbeitende Architekturschaffende ohne entsprechende rechtliche Grundlage
(und Absicherung) oder mit „ausländischen“ Befugnissen (Umgehungen) sind in
nicht unerheblicher Zahl tätig. Die Konsequenz kann hier jedoch nicht heißen, das System
stärker durchzusetzen, sondern die rechtliche Situation des Berufszuganges der
Wirklichkeit anzupassen.

Konsequenz aus den Berufszugängen: Zusammenführung – Ausblick

Im Vergleich zwischen geregelten und ungeregelten Berufszugängen gilt es, die verschiedenen Vor- und Nachteile abzuwägen. Der geregelte Berufszugang bedeutet eine Hürde, deren Beschaffenheit nicht prohibitiv sein darf. Der ungeregelte Berufszugang kennt eine derartige Hürde nicht, führt aber klarerweise im legalen System wie letztlich im wahren (Behörden-)Leben zu geringerer Kompetenz und Anerkennung.


Ausblick für die Situation in Österreich

  • Anpassung des Berufszuganges an EU-Level: Die Kombination von universitärer Ausbildung und Praxiszeit, eine an sich durchaus sinnvolle, muss den realen Bedingungen angepasst werden; ein Anwärterstatus auf freiwilliger Basis ist einzurichten
  • Kammermitgliedschaft als Anwärter
  • Schaffung eines Anwärterstatus mit Rechten und Pflichten
  • optionale Beteiligung am Pensions-Entfall der verlorenen GSVG (= Gewerbliche Sozialversicherung)-Jahre
  • Bezeichnung ArchitektIn für Anwärter (Österreich ist das einzige Land der EU, das den AbsolventInnen beim Abschluss des Universitätsstudiums die Bezeichnung ArchitektIn verwehrt)
  • selbstständige Tätigkeit in eingeschränktem Rahmen (in Bayern bis zum Doppelhaus, allenfalls Abgrenzung mit bauanzeigepflichtigen Bauvorhaben)
  • Anerkennung von Praxiszeiten, die während des Studiums absolviert wurden