Rahmenbedingungen für die Produktion von Baukultur

Vergabepraktiken im Leistungswettbewerb – Zu Prinzipien der Vergabe von Planungsleistungen in Österreich

Walter M. Chramosta und Johannes S. Schnitzer
„Hinter jeder Utopie steht immer eine große taxonomische Absicht: ein Platz für jedes Ding und jedes Ding an seinem Platz.“ (Georges Perec)

Fortschritte im Vergabewesen: Verrechtlichung versus Kultivierung?

Der größte anzunehmende Vergabeunfall für eine geistige Leistung ist leicht auszumalen: auf der einen Seite der realisierungsgewiefte Besteller, der die Kosten von allem und den Wert von nichts kennt, auf der anderen Seite der konzeptgetriebene Planer, der den Wert von allem, aber die Kosten von nichts kennt. Die Frontstellung von Kasse und Klasse gehört zum Prinzip Wettbewerb, in ihren Extrempositionen stört sie aber die Vergabeverfahren der öffentlichen Hand, die durch die Gebote zu Fairness, Objektivität und Transparenz zu hoher Bestellqualität verpflichtet sind und im verbleibenden Spielraum BauherrInnenverantwortung und Planungsethos in Einklang bringen müssen.

Die Vergabe von Planungsleistungen steht ein halbes Jahrhundert nach der Grundausrichtung mit der ersten ÖNORM A 2050
1 und ein Jahrzehnt nach der Übernahme der EU-Richtlinien in das Bundesvergabegesetz 19972 vor einer richtungsentscheidenden Reform. Die wird mutiger als bisher innengeleitet sein müssen, um den nationalen Konsensbedarf decken zu können. Die Vorbedingungen der Vergabeverfahren, deren tiefer gehende rechtliche Normierung nicht wünschenswert sein kann, sind über baukulturelle Absichtserklärungen festzuhalten. Der Gesellschaft wird nicht erspart bleiben, eine Taxonomie der erstrebenswerten Eigenschaften des Planens und Bauens zu verhandeln.

Sinnvoll zu entwickeln ist das Vergabewesen nur durch das Zusammenwirken von Verrechtlichung und Kultivierung, im Sinn von Verfeinerung normativer und informeller Techniken. Die wichtigsten Prinzipien und prioritären Maßnahmen werden folgend erörtert.

Das Prinzip Angemessenheit des Verfahrens

Für jedes im BVergG vorgesehene Auslobungs- und Vergabeverfahren gibt es mittlerweile eine anerkannte, praxisgerechte Form. Aber nicht für jede planerische Problemstellung oder jede BauherrInnenbefindlichkeit gibt es eine angemessene Verfahrensart. Die Standardverfahren sind nicht spezialisierbar genug, neue Verfahrensarten sind wünschbar. Oft werden „zweitbeste“ Verfahren verwendet, etwa das Verhandlungsverfahren mit vorheriger Bekanntmachung anstatt des für Planungsleistungen ungleich geeigneteren nicht offenen Wettbewerbs.

Um beurteilen zu können, ob das Prinzip der Angemessenheit des Verfahrens in Österreich gelebt wird, ist zu sichten, inwieweit Auslobungs- und Vergabeverfahren aufgabenadäquat eingesetzt werden. Ideale Voraussetzung wäre eine offizielle, bundesweite Wettbewerbs- und Vergabestatistik, die aber noch nicht geführt wird. Es existieren verlässliche Teilbetrachtungen, die vorerst nur ein konturhaftes, qualitatives Gesamtbild des Vergabewesens erlauben.

Aussagekräftig ist die Auswertung
3 der auf Österreich bezogenen Bekanntmachungen im Supplement zum Amtsblatt der EU4 über 2004 (2005). Dort werden zumindest alle oberschwelligen Verfahren veröffentlicht. Von klassischen Auftraggebern wurden 1306 (1304) Verfahren zu Dienstleistungen bekanntgemacht. Davon bezogen sich 23% (25%) auf Arch+Ing-Leistungen. Zieht man davon informelle Bekanntmachungen ab, bleiben 206 (226) angekündigte Verfahren. Sie setzen sich aus 26% (42%) (nicht) offenen Verfahren zusammen, aus 53% (36%) Verhandlungsverfahren und 21% (22%) Wettbewerben. Bei Sektorenauftraggebern dominieren die Verhandlungsverfahren bei weitgehendem Verzicht auf Wettbewerbe. Im Vergleich mit Deutschland veranstaltete Österreich 2004 bis 2005 relativ doppelt so viele Wettbewerbe, fünf Mal so viele (nicht) offene Verfahren, aber nur die Hälfte an Verhandlungsverfahren.

Einen anderen Blickwinkel hat die Untersuchung
5 über die heimischen Architekturwettbewerbe im Jahr 2005. Eine Umfrage bei den vier Arch+Ing-Kammern nach der Summe von betreuten und nur wahrgenommenen Architekturwettbewerben ergab, dass insgesamt 134 Wettbewerbe stattfanden; davon waren 75 (= 56%) betreute, also nach WOA 2000 und ggf. BVergG 2002 abgehaltene Wettbewerbe und 59 (= 44%) Sondertypen, etwa ohne Anonymität. Die von den Kammern erkannten Wettbewerbe verhielten sich 2005 zu den EU-weit bekanntgemachten wie 2,7:1.

Die Bundeswettbewerbsübersichten
6 zu den Jahren 2003 und 2004 sind mit obigen nicht kompatibel, erlauben keinen historischen Längsschnitt. Allein über das Land Oberösterreich wird seit 1994 eine durchgehende Wettbewerbsstatistik7 geführt: daraus geht hervor, dass von 1994 bis 2002 jährlich durchschnittlich 14 Wettbewerbe stattfanden, 2003 bis 2005 aber 23 (+63%) pro Jahr – wohl eine Wirkung des BVergG 2002.

Ausgehend von der Dunkelziffer
8 von 3:1 (134:46) für „sichtbare“ zu „unsichtbaren“ Wettbewerben ergeben sich für 2005 schätzungsweise 180 Wettbewerbe in Österreich. Geht man von durchschnittlich 25 TeilnehmerInnen aus, entstanden 4.500 Wettbewerbsarbeiten, die die VerfasserInnen bei angenommenen EUR 15.000 pro Wettbewerbsarbeit EUR 67,5 Mio. kosteten. Die 81 EU-weit bekanntgemachten Verhandlungsverfahren ergeben unter der Annahme von jeweils 5 BieterInnen und einem wettbewerbsähnlichen Angebotsaufwand EUR 6,1 Mio. Gesamtkosten. Daher beträgt eine moderate Gesamtschätzung der Vorleistungen der PlanerInnen 2005 in Österreich etwa EUR 73,6 Mio.

In Österreich legen die quantitativen Belege für den Zeitraum 2003 bis 2005 für das nationale Vergabegeschehen zu Planungsleistungen einerseits eine stagnierende Entwicklung nahe. Anzeichen für eine sich belebende und ausdifferenzierende Vergabelandschaft sind andererseits in aktuellen Bemühungen vieler Kommunen, der Länder Niederösterreich, Steiermark und Wien oder der Bundesimmobiliengesellschaft um die Qualifizierung ihrer Verfahren über geistige Leistungen zu sehen. Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass die sechs hier propagierten Prinzipien in Österreich nicht hinreichend zum Durchbruch kommen, der Wettbewerb ist unvollständig.


Maßnahmen

  • Erstellung eines bundesweiten Katasters für planungsbezogene Verfahren
  • Varianten zu den Verfahrensarten des BVergG, etwa kooperative Wettbewerbe oder vereinfachte Verfahren für Grundsatzfragen
  • Stimulation aller Wettbewerbsarten, insbesondere bei Sektorenauftraggebern
  • Parität von Wettbewerben und Verhandlungsverfahren
  • Verzicht auf (nicht) offene Verfahren zu geistigen Leistungen
  • Publizität für Direktvergaben und Verhandlungsverfahren mit nur einem Bieter
  • Lösung des Zielkonflikts zwischen Ideen- und Realisierungszentriertheit von Verfahren
  • Musterverfahren mit wissenschaftlicher Begleitung


Das Prinzip Baukultur

Baukultur wird als Allheilmittel im öffentlichen Planungssegment gepriesen. Sie umschreibt die in einer Gesellschaft vorherrschenden Haltungen und beherrschbar erachteten Techniken, die einen Konsens über die gebaute Umwelt herstellen lassen. Baukultur ist die von jedem Akteur anders gebildete Summe von Bedingungen, die den Überbau für das Bauen bilden. Der Begriff kann gerade wegen seiner fließenden Konturen auf eine steile Karriere zurückblicken und zieht wegen seines Universalitätsanspruchs Kritik9 auf sich.
Als argumentativer Platzhalter ist Baukultur hilfreich, weil sie es in den alltäglichen Sprachgebrauch10 und in die Manifeste der europäischen Architekturpolitiken, etwa in Deutschland11 und Österreich12, geschafft hat. Um in das Vergabewesen wirken zu können, braucht sie aber handlungsorientierte Präzisierung13 in Richtung Ganzheit der Ansprüche und Angemessenheit der Mittel.  
BauherrInnen-, Auslobungs-, Planungs-, Verfahrens-, Vergabe- und Wettbewerbskultur u.s.w. sind Teil der Baukultur. Es ist besonders dort produktiv, wo komplexe Systeme sich über formale Hierarchien nicht mehr hinreichend beherrschen lassen, nur noch auf ihre Kultivierung setzen können. Dabei werden informelle Steuerungskräfte frei, die „die Hierarchie“, z.B. das Vergaberecht, nicht mobilisieren kann. Man kann Vergabekultur, im Vorfeld formalisierter Verfahren, als ein Forum verstehen, in dem Einvernehmen hergestellt wird, etwa über die Frage: Was ist Qualität? Entscheidend ist, dass der Konsens der Akteure informell entsteht und das formale Prozedere starten kann, ohne dann wissen zu können und erklären zu müssen, wie es gelungen ist, das eigene Verhalten zu koordinieren.

Das vielfältige Prinzip Baukultur bewährt sich auch im Umgang mit Überraschungen. Wettbewerbe sind per se dazu da, überraschende Lösungen hervorzubringen. Wettbewerbskultur – jenseits von Vergaberecht und WOA – besteht
z.B. darin, wenn sich PreisrichterInnen wechselseitig für einschätzbar halten und daher gemeinsam auf Überraschungen einlassen können, ohne sich vorher darüber verständigt zu haben. Im Grad des Zulassens von Überraschungen erweist sich die Stabilität einer Gesellschaft, auch eines Verfahrens.

Maßnahmen

  • Bestellung eines/einer Bundesbeauftragten für Baukultur, der/die Qualitätsdiskussion steuert
  • Deklaration zur Baukultur in Österreich, die die öffentlichen Auftraggeber bindet
  • Fördersysteme, die den Verfahren angemessene Zeit- und Geldbudgets sichern
  • Unterstützung von Architekturinstitutionen als Informationsorte über Verfahren

Das Prinzip Interesselosigkeit

ArchitektInnen, die an einem Wettbewerb teilnehmen, handeln aus ökonomischer Sicht scheinbar irrational. Der ökonomische Gewinner eines regelkonform durchgeführten Wettbewerbes ist bei einer Realisierung des besten Projekts immer der Auslober. Da ArchitektInnen im Wettbewerb in einem Ausmaß autonom sind, das ihnen beim Bauen nie gewährt wird, haben Wettbewerbe hohe Anziehungskraft.

ArchitektInnen verhalten sich als WettbewerbsteilnehmerInnen wie KünstlerInnen im Kunstfeld. Wettbewerbsarbeiten erlangen ihre öffentliche Bedeutung auf dieselbe Art wie Kunstwerke und genügen dabei dem Prinzip der Interesselosigkeit
14 – Baukunst um der Kunst willen. Mit Pierre Bourdieu ist ein Wettbewerb ein „Spiel“ auf einem „Feld“ im „sozialen Raum“. Der Spieler setzt sein „Kapital“ ein, um auf dem sehr autonomen Feld der kulturellen Produktion ein durch einen Gewinn erworbenes symbolisches Kapital zu erlangen, das in der Währung Aufmerksamkeit15 gemessen werden kann. Das Aufmerksamkeitskapital ist dann auf weniger autonomen Feldern – Ökonomie und Macht – taxiert tauschbar, ohne das Prinzip Interesselosigkeit zu verraten. Davon träumen ArchitektInnen.

Um den Lösungsfächer auszuloten, ist ein Auslober gut beraten, das Charisma des Schöpferischen und das alte Wettbewerbsregelwerk wie Anonymität zuzulassen, das interessengeleitetes Verhalten zum Schaden des Verfahrens erschwert. So ein Verfahren setzt sich von normalen Märkten ab, wird deswegen genau jene wichtigen „Spieler“ anziehen, die gerade viel „Kapital“ einzusetzen haben. ArchitektInnen und IngenieurInnen wollen nach selbstdefinierten Regeln konkurrieren, auch wenn die materiellen Kosten der Autonomie hoch sind – die symbolischen Kapitalgewinne sind es auch.


Maßnahmen

  • Primat der Wettbewerbe vor Verhandlungsverfahren
  • Ausschluss des Preiswettbewerbs für geistige Leistungen
  • Verfahrensmotive gleichermaßen auf dem Kunstfeld und ökonomischem Feld
  • Aufmerksamkeit durch Publizität nicht nur für die Fachwelt
  • Wettbewerbsordnungen basierend auf europäischer Tradition
  • Exzellenzprinzip bei Preisrichtern und Verfahrensorganisatoren

Das Prinzip Kostenwahrheit

Wettbewerben eilt der Ruf voraus, aufwändig zu sein oder kostspielige Projekte hervorzubringen. Deshalb werden Vergabeverfahren herangezogen, für die sie nicht konstruiert wurden. Evident ist, dass der Architekturwettbewerb, über einen Lebenszyklus eines Bauwerks gerechnet, das effizienteste Verfahren16 ist. Die Architektenkammer Berlin konnte belegen, dass für Architekturwettbewerbe17 zwischen 0,5 und 3%, im Schnitt über alle Wettbewerbsarten, Aufgaben und Teilnehmerzahlen 1% der Baukosten aufzuwenden sind. Das ist angesichts des Lerneffektes immer ein sehr gutes Investment: der Auslober erhält zu den Kosten eines Vorentwurfs eine ganze Palette von Vorentwürfen. Dazu kommen nach einer Studie18 der Architektenkammer Baden-Württemberg mögliche Einsparpotenziale bei den Bauvolumina und folglich bei den Baukosten zwischen 4 und 8%. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart untersuchte ihre Wettbewerbe19 und stellte fest, dass der umbaute Raum bei Gewinnerentwürfen um 10% geringer war als das Mittel aller Wettbewerbsarbeiten. Die von GewinnerInnen realisierten Bauten waren um 10% günstiger als die Schätzungen. Der Verfahrensaufwand verhielt sich zur Baukosteneinsparung im Verhältnis 1 : 7. Zudem sind die aus reflektierenden Verfahren hervorgegangenen Projekte um 50% nutzungsstabiler.

Maßnahmen

  • Primat des Wettbewerbes vor Verhandlungsverfahren oder Direktvergabe
  • Erhöhung der Preisgeldsummen, um dem Nutzen von Planungskonkurrenzen für die Gesellschaft Rechnung zu tragen
  • Vertiefung der Planinhalte zur besseren Kostenplausibilisierung
  • Evaluierung der Verfahrenskosten in Relation zu Bau- und Lebenszykluskosten
  • Erforschung wettbewerbsaffiner Instrumente der Kostenschätzung

Das Prinzip Trennung von Planung und Ausführung

Seit Jahrzehnten ist es übliche und erfolgreich angewandte Praxis in Österreich, Planung und Ausführung getrennt zu vergeben. Damit sollen Interessenkonflikte ausgeschlossen und wechselseitige Kontrolle ermöglicht werden. Im Gegensatz zu ZiviltechnikerInnen, die sich einer Gestaltungsgarantie und einem Innovationsgebot verpflichtet sehen, stehen Totalunternehmer primär unter Kosten- und Termingarantie. ArchitektInnen und IngenieurkonsulentInnen sehen sich nur im Leistungswettbewerb gut vertreten, Bauunternehmen setzen ungeachtet der (architektonischen) Qualität auf den Preiswettbewerb.

Von besonderer Relevanz für das Trennungsprinzip ist die standesrechtliche Situation der ZiviltechnikerInnen, die das Eingehen von Bietergemeinschaften mit Unternehmen, die über eine Ausführungsberechtigung verfügen, untersagt. Dies impliziert das Verbot, sich an Bietergemeinschaften bei Totalunternehmerverfahren zu beteiligen. ArchitektInnen oder IngenieurkonsulentInnen werden in die Rolle des Subunternehmers meist gewerblicher Bauunternehmen gedrängt. Eine partnerschaftliche Selbstständigkeit bleibt ZiviltechnikerInnen dadurch verwehrt. Dies ist besonders bedenklich, da die von ihnen konzipierte Architektur den wesentlichen Auswahlfaktor darstellen sollte.

Das BVergG verpflichtet zur Förderung eines echten Wettbewerbs. Diese Prämisse scheint mit dem Umstand, dass nur eine geringe Anzahl potenter Baukonzerne zur Teilnahme an Totalunternehmerverfahren fähig ist, in einem Spannungsverhältnis zu stehen. Vielmehr würde die Teilnahmemöglichkeit einer Vielzahl von Architekturbüros, insbesondere im Rahmen der Abhaltung von Planungswettbewerben, einer Marktverengung entgegenstehen und durch den verstärkten Wettbewerb qualitätsstiftend wirken.

Zudem verpflichtet die gemeinsame Vergabe der geistigen Planungsleistung und der Bauleistung vergaberechtlich in der Regel und aufgrund des Überwiegensprinzips zum offenen Verfahren. Da dabei jedoch striktes Verhandlungsverbot herrscht, ist die im Rahmen von Bietergesprächen grundsätzlich sinnvolle Präzisierung des Auftragsgegenstandes nicht zulässig. Argumente für Totalunternehmerverfahren, wie die Reduktion von Koordinierungs- bzw. Verwaltungsaufwänden, Bauzeitverkürzung oder eine einheitliche Verantwortung und Haftung für Mängelansprüche sind weder statistisch belegt noch überzeugend. Vielmehr sprechen Negativbeispiele wie etwa das Verfahrensdesaster Stadion Klagenfurt eindeutig für die getrennte Vergabe.
Öffentliche AuftraggeberInnen sind aus diesen Gründen im Sinne ihrer baukulturellen Verantwortung dringend dazu angehalten, ihr gesetzlich zuerkanntes, jedoch beschränktes Ermessen dahingehend auszulegen, die Planungsleistungen getrennt von den Ausführungsleistungen zu vergeben und Verfahren bestmöglich vorzubereiten.
Der Wettbewerb als ein dem Verhandlungsverfahren vorgeschalteter und von der Bauausschreibung getrennter Verfahrensabschnitt ist aufgrund der separaten PlanerInnenfindung transparenter, nachvollziehbarer und damit minimierend für das Anfechtungsrisiko – und vor allem qualitätsstiftend.

Maßnahmen

  • Trennungsvorgabe im Vergaberecht
  • Transparenz der Gründe der Verfahrenswahl
  • Reale Parallelausschreibung von Planungs- und Bauleistungen im Vergleich zur TU-Vergabe

Das Prinzip Wettbewerb

Friedrich A. von Hayek hat Aussagen20 zum „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“ gemacht, die auf den Planungswettbewerb anwendbar sind. Der Wettbewerb wird „systematisch als ein Verfahren zur Entdeckung von Tatsachen betrachtet, die ohne sein Bestehen entweder unbekannt bleiben oder doch zumindest nicht genutzt würden.“ Genial am Wettbewerb sei, dass zwei Sorten Wissen eingehen: das institutionelle, das in Behörden, Statistiken und Gesetzen gespeichert ist, und das nicht aggregierbare, das nur Individuen zur Verfügung steht. Der Wettbewerb macht als einziges bekanntes Verfahren das Wissen und das Können einer bestimmten Gruppe von Menschen für die Gesellschaft nutzbar.

Wettbewerb ist nach von Hayek durch fünf Merkmale geprägt: Die Ergebnisse sind nicht voraussagbar. Die Ergebnisse sind nicht bewusst anstrebbar. Die Ergebnisse bilden eine spontane Ordnung. Die Ergebnisse sind hinsichtlich ihrer Effizienz nicht empirisch nachprüfbar. Mit dem Wettbewerb steigt die Möglichkeit, dass bei einer beliebigen Person vorhandene Erwartungen erfüllt werden. Wenn man entschiedene Wettbewerbe und Verhandlungsverfahren in Österreich Revue
21 passieren lässt, ist festzustellen, dass die Unterscheidung in gelungene oder missratene Verfahren allein schon an diesen Merkmalen leicht festzumachen ist. Ein „Wettbewerb muß als ein Prozeß angesehen werden, in dem Menschen Wissen erwerben und einander mitteilen ...“22 Diese fundamentale Prämisse in Wettbewerbs- und Verfahrensordnungen nachzuvollziehen, begründet den Erfolg des Prinzips Wettbewerb im Vergabewesen.

Maßnahmen

Auslobungen nur in Konkordanz mit den Eigengesetzen des Wettbewerbs
Primat von Wissenssammlung und -austausch vor Objektivierungstechniken der Entscheidung
Sicherstellung der Exzellenz der Verfahrensorganisation und der Leitung des Preisgerichts

Nutzung des „runden Tisches“ mit allen Akteuren vor, während und nach einem Wettbewerb
Erleichterung des EU-Marktzugangs für Planungs-KMUs durch „Vergabeattachés“ des Außenamtes/der Außenhandelsstellen

Schlussfolgerung

Das Vergabewesen steht im Hinblick auf Bauplanungsleistungen vor einer richtungsentscheidenden Reform, um nationale Defizite zu beheben. Einerseits wird die öffentliche Hand angeregt, die angeführten Prinzipien ergänzend zu den Grundsätzen Fairness, Objektivität und Transparenz öffentlich zu ver- handeln und schließlich in einer „Deklaration zur Baukultur in Österreich“, die alle öffentlichen Auftraggeber bindet, festzulegen. Andererseits wird dem Bundesgesetzgeber empfohlen, das BVergG 2006 punktuell für Planungsvergaben zu novellieren. Zudem sollte der Bund die Dokumentation und die wissenschaftliche Analyse der technischen Effizienz der Auslobungs- und Vergabeverfahren vorantreiben.

Fußnoten

  1. Schiefer, Martin. ÖNORM A 2050 und ÖNORM A 2051. In: Heid, Stephan, Karl Preslmayr et al., Hg. 20052. Handbuch Vergaberecht, Wien: LexisNexis, S. 30 – 32; Huber, Alfons. Die „unendliche Geschichte“. Die Entwicklung des österreichischen Vergaberechts. In: Gölles/Grussmann/Huber/Pachner, Hg. 1993. Bundesvergabegesetz, Wien: Verlag Österreich, S. 11 – 47; Gölles, Hans. Bundesvergabegesetz und ÖNORM 2050. Ibid., S. 49 – 65.
  2. Holoubek, Michael. Das Bundesvergabegesetz 2002. Kompetenzgrundlagen – Geltungsbereich – Vergabeverfahren. In: Österreichische Juristenkommission, Hg. 2003. Vergaberecht 2002. Kritik und Fortschritt im Rechtsstaat, Bd. 21, Wien/Graz: NWV, S. 14 – 24; Schiefer, Martin. Bundesvergabegesetz, Verordnungen, Kundmachungen. In: Heid/Preslmayr et al. (2005), S. 25 – 30. Pachner, Franz. Nationale Rechtsgrundlagen, in: Schramm, Johannes, Josef Aicher, Michael Fruhmann und Rudolf Thienel. 2005. Bundesvergabegesetz 2002. Kommentar, Wien/New York: Springer, S. 32 – 38; Öhler, Matthias und Johannes Schramm. Europäisches und internationales Vergaberecht. Ibid., S. 1 – 31.
  3. Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, Hg. 2006. Statistische Auswertung der EUweiten Ausschreibungen (TED, für 2004 und 2005), unveröffentlicht.
  4. http://ted.europe.eu
  5. Rieder, Max. 2006. Statistik der Architekturwettbewerbe 2005 in Österreich. Unveröffentlichte Vorstudie zum Baukulturreport 2006.
  6. Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, Hg. 2006. Tabellarische Wettbewerbsübersichten 2003 und 2004, unveröffentlicht.
  7. Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Öberösterreich und Salzburg, Hg. Tabellarische Wettbewerbsübersichten zu EU-offenen, offenen und nicht offenen Wettbewerben in Oberösterreich 1994 – 2006, http://www.aikammeros.org; (18.3.2006)
  8. Chramosta, Walter M. 2006. Schätzung der Wettbewerbsanzahl im Jahr 2005 im Kammerbereich Wien, Niederösterreich und Burgenland. Unveröffentlichte Vorstudie zum Baukulturreport 2006. „Unsichtbare Wettbewerbe“ sind ohne Transparenz und Publizität für eine breitere Öffentlichkeit ablaufende Verfahren, wie geladene Wettbewerbe, ExpertInnenverfahren mit direkt beauftragten GutachterInnen, Workshops mit Parallelbeauftragung, Wiener Wohnbauträgerwettbewerbe u.s.w.
  9. Führ, Eduard. 2004. Baukultur – Fragen über Fragen. Wolkenkuckucksheim  2:2004, http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/TheoArch/Wolke/deu/Themen/032/Fuehr/fuehr.htm; (7.6.2006).
  10. Henscheid, Eckhard. 2001. Alle 756 Kulturen. Eine Bilanz. Frankfurt am Main: Zweitausendeins, S. 51.
  11. Bundesstiftung Baukultur, Hg. 2003. Bericht über den 1. Konvent der Baukultur, 4./5.4.2003, http://www.bundesstiftung-baukultur.de/uploads/media/Konventbericht.pdf; (15. 5. 2006).
  12. Plattform für Architekturpolitik und Baukultur, Hg. 2003. Handlungsmaximen für Architektur und Baukultur, http://www.architekturpolitik.at/de/cms/upload/pdf/plattform/Maximen_lang.pdf; (9. 4. 2006). Republik Österreich, Bundeskanzleramt – Kunstangelegenheiten, Hg. 1999.Weissbuch. Zur Reform der Kulturpolitik in Österreich, Wien: Falter, S. 139 – 144.
  13. Ganzert, Joachim. 2004. Zum Bedeutungskontext der Begriffe „Kultur/Baukultur“, Wolkenkuckucksheim Heft 2: 2004, http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/TheoArch/Wolke/deu/Themen/032/Ganzert/ ganzert.htm; (14. 4. 2006).  
  14. Lipstadt, Helene. 2005. Verkehrte Welt, UmBau 22: S. 55 – 62.
  15. Franck, Georg. 1998. Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf, München: Hanser.
  16. Franke, Ulrich und Karsten Kümmerle. 2005. Thema: Architektenwettbewerb. Strategien, Wirtschaftlichkeit, Erfolg. Basel/Boston/Berlin: Birkhäuser, S. 169 – 175.
  17. Ibid., S. 151.
  18. Ibid., S. 150.
  19. Ibid., S. 161 – 162. Giese, Heiner, Renovation der Domkirche St. Martinus in Rottenburg, http://www.landesdenkmalamt-bw.de/nachrichtenblatt-online/NB2003-1-062-068.pdf; (26.4.2006).
  20. Hayek, Friedrich August. 1969. Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren, in: derselbe, Freiburger Studien – Gesammelte Aufsätze, Tübingen: Mohr Siebeck, S. 249 – 265.
  21. Bekannte Versagensfälle versuchten, das Ergebnis vorherzusagen (Kleines Festspielhaus Salzburg, Regierungsbezirk St. Pölten), das Ergebnis bewusst anzustreben (Stadion Klagenfurt, Donausteg Linz), die spontane Ordnung durch eine gewollte zu ersetzen (Musiktheater 2 Linz, Schule Katharinengasse Wien), die Ergebnisse empirisch nachzuprüfen (Musiktheater 1 Linz) und die Erwartungen der Bürger zu negieren (Trigon-Museum/Kunsthaus Graz, Museumsquartier Wien). Die gelungenen Verfahren sind aber weit in der Überzahl, allerdings fehlt ihnen meist jene mediale Evidenz, die Skandalen leicht zuteil wird. Verfahrensprädikate werden noch immer nicht, Architekturprädikate schon längst vergeben. Die guten Wettbewerbe entnimmt man daher am ehesten implizit den Objektdokumentationen in den regionalen Architekturführern und Architekturportalen im Internet; erst das im Herbst 2006 freigeschaltete Wettbewerbsportal www.architekturwettbewerb.at der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten klärt mit Verfahrensprädikaten explizit über Verfahrensqualität auf. Ein vorbildlicher Fall – von der Projektentwicklung über den Wettbewerb bis zur Realisierung – ist der Neubau der Fakultät für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der Universität Innsbruck.  
  22. Hayek, Friedrich August. 1979/1981. Die Verfassung einer Gesellschaft freier Menschen. In: Derselbe. Recht, Gesetzgebung und Freiheit. Bd. 3., Landsberg am Lech: Moderne Industrie. S. 100.