Bildung und Ausbildung

Universitäten und Fachhochschulen

Christian Kühn
Das Niveau der Baukultur ist wesentlich von Bildung und Ausbildung sowohl in den planenden als auch in den ausführenden Berufen des Bauwesens abhängig. Das Bildungssystem erfüllt dabei mehrere Funktionen:
  • Es vermittelt Wissen und Kompetenz.
  • Es ist der Ort, an dem das Selbstverständnis einer Disziplin weitergegeben und im Austausch mit der Praxis weiterentwickelt wird.
  • Es steht an Universitäten und Fachhochschulen in einer engen Wechselwirkung mit der Forschung und trägt damit zur Weiterentwicklung einer Disziplin bei.
  • Es ist in Europa ein maßgeblicher Faktor für die Berufszulassung und die gegenseitige Anerkennung von Berufszulassungen.

Österreich zeichnet sich dabei durch ein differenziertes und im Prinzip gut aufeinander abgestimmtes Angebot aus. Es reicht von der Lehrlingsausbildung im dualen System über die berufsbildenden höheren Schulen (HTLs), Fachhochschulen und Universitäten bis zu Angeboten im Bereich des lebensbegleitenden Lernens. Das vorliegende Kapitel konzentriert sich auf die planenden Berufe im Bauwesen im tertiären Bildungsbereich. Die Bedeutung einer hochwertigen Ausbildung in Baugewerbe und Bauindustrie wird in Kapitel 6.9 (Ausbildung am Bau) dargestellt.

1. Kernkompetenz und Bildungsauftrag

Österreichische ArchitektInnen und IngenieurInnen bieten traditionell ein breites Spektrum von Leistungen an, vom baukünstlerischen oder städtebaulichen Entwurf über die Einreich-, Polier- und Detailplanung, Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung bis zu Projektmanagement und örtlicher Bauaufsicht. Über den Status des Ziviltechnikers werden dabei teilweise auch Aufgaben im hoheitlichen Bereich übernommen. Nach einer Studie aus dem Jahr 2005 sehen sich dabei nur 26% der österreichischen ArchitektInnen als UnternehmerInnen, 12% eher als „EntwerferInnen“, während sich 60% „genau zwischen diesen Bereichen“ positionieren.2

Die Kernkompetenz der planenden Berufe im Bauwesen muss in Österreich daher entsprechend umfassend definiert werden. Sie besteht generell in der interdisziplinären Entwicklung gestalterischer Lösungen unter Berücksichtigung künstlerischer, technischer, sozialer, ökonomischer und ökologischer Aspekte.  

Die verschiedenen Disziplinen wie etwa Architektur, Tragwerksplanung, Stadt- und Raumplanung, Landschaftsplanung, Projektmanagement etc. differenzieren sich dabei nach ihrem jeweiligen Beitrag zu dieser ganzheitlichen Aufgabe, ohne in völlig voneinander abgegrenzte Sektoren zu zerfallen. Für die Ausbildung ergibt sich daraus der Auftrag, diese Kompetenz in der jeweils angemessenen Mischung von generalistischen und spezialistischen Inhalten zu vermitteln.


In Bezug auf die Architekturausbildung3 sind die internationalen Trends dabei widersprüchlich. Einerseits spricht die internationale Architektenvereinigung UIA in ihren Empfehlungen zur Architekturausbildung von einer dreistufigen, sechs Jahre dauernden Ausbildung, die etwa als dreijähriges Grundstudium, zweijähriges Vertiefungsstudium und einjähriges Masterstudium zu realisieren wäre. Auf der anderen Seite ist im Zuge der Liberalisierung des Bildungsmarktes eine Tendenz zu kürzeren, spezialisierten Studien zu beobachten, die sich als berufsqualifizierend für einzelne Bereiche des Bauwesens positionieren.



2. Historische Entwicklung der Ausbildung:
    BaumeisterInnen, KünstlerInnen, IngenieurInnen

Die Entwicklung der planenden Berufe im Bauwesen ist grundsätzlich dem seit Beginn des 19. Jahrhunderts wirksamen Trend zur akademischen Spezialisierung gefolgt. Aus dem Baumeister des Barock, der zugleich künstlerische und technische Aufgaben wahrnahm, entwickelten sich unterschiedliche Disziplinen mit entsprechenden Institutionen der Berufsausbildung: auf der einen Seite die Polytechnischen Institute, also die heutigen Technischen Universitäten, die den Nachwuchs für die Ingenieursdisziplinen ausbildeten, auf der anderen Seite die baukünstlerischen Institute an den Kunstakademien, den heutigen Kunstuniversitäten.


Ausdifferenzierung der Disziplinen

Die tatsächliche Ausdifferenzierung der Disziplinen ist bei genauerer Betrachtung jedoch weit komplexer ausgefallen. Die Polytechnischen Institute begannen seit Ende des 19. Jahrhunderts, ihre Architekturausbildung inhaltlich an jene der Akademien anzugleichen und sich primär dadurch zu unterscheiden, dass sie ihre Didaktik auf künstlerisch-wissenschaftliche Fächer und nicht auf Meisterklassen aufbauten. Daraus ergab sich eine zunehmende Differenzierung zwischen ArchitektInnen und IngenieurInnen innerhalb der Technischen Universitäten, die in der Regel zur Trennung von ArchitektInnen und BauingenieurInnen in unterschiedliche Fakultäten führte.4 Im Bauingenieurwesen erfolgten weitere Spezialisierungen in Studienzweige wie Konstruktiver Ingenieurbau, Wasserbau, Baubetrieb und Bauwirtschaft etc. In der Architektur erfolgten keine Spezialisierungen, sondern Ausweitungen in neue Fachbereiche wie die Raum- und Regionalplanung, die sich, einem internationalen Trend folgend, als neue ingenieurwissenschaftliche Disziplin aus dem Fachbereich Stadtplanung kommend als eigene Studienrichtung etablierte. Landschaftsplanung wird in Österreich als eigene Studienrichtung nicht an Architekturfakultäten, sondern an der Universität für Bodenkultur angeboten.


Spezielle Bildungswege für BaumeisterInnen

Parallel zu diesem akademischen Bereich hat sich in Österreich der Beruf des Baumeisters mit Planungsbefugnis erhalten, der entsprechend seinem gewerblichen Ursprung Planungsleistungen ohne akademische Ausbildung anbietet. Von den rund 6.400 BaumeisterInnen in Österreich haben circa 11% einen Universitätsabschluss, 40% sind AbsolventInnen einer HTL, 34% haben den Einstieg in den Beruf über eine Lehre gefunden und 15% über sonstige Berufe.5


Fachhochschulen

Seit 1993 bestehen in Österreich die rechtlichen Grundlagen für die Einführung von Fachhochschulen. Damit wurde den bestehenden Ausbildungsmöglichkeiten eine weitere hinzugefügt, die sich vom universitären Sektor durch stärkere Praxisorientierung und eine straffere, schulischere Organisation des Studiums unterscheidet. Im Bereich des Bauwesens wurden in Österreich anfangs vor allem Spezialbereiche wie Gebäudetechnik und Gebäudemanagement, Facility Management oder Holztechnik abgedeckt. Inzwischen existieren auch hier Angebote, die inhaltlich den universitären Angeboten in Architektur und Bauingenieurwesen weitgehend entsprechen. Die Notwendigkeit dieser Angebote ist angesichts der Arbeitsmarktsituation und der Anzahl der AbsolventInnen an Universitäten umstritten. In der BRD, wo die Dauer des Fachhochschulstudiums in der Regel auf 4 Jahre beschränkt ist, stammen von den rund 6.000 AbsolventInnen des Jahres 2004 in der Studienrichtung Architektur bereits 3.200 von Fachhochschulen. Die deutsche Baukultur wird daher zunehmend von AbsolventInnen geprägt, deren Ausbildung nicht dem internationalen Standard einer 5-jährigen Ausbildung entspricht.6


Lebensbegleitendes Lernen

Ein immer wichtiger werdendes Segment des Bildungssystems ist die berufsbegleitende Aus- und Fortbildung. Angebote dafür bestehen im Baubereich beispielsweise an der Donau-Universität Krems und an der privaten Ingenieur- und Architektenakademie, die an die Kammer der Architekten und Ingenieurkonsu- lenten für Wien, Niederösterreich und das Burgenland angeschlossen ist. Im gewerblichen Bereich gibt es für die BaumeisterInnen eine BAUAkademie, die seit 2002 alle Lehrbauhöfe unter einer Dachmarke vereinigt. Zusätzlich weiten auch die Universitäten ihr Angebot im postgradualen Bereich aus.


Neue Unübersichtlichkeit durch Universitätsautonomie und Bologna-Prozess 

Das Ausbildungssystem für planende Berufe im Bauwesen war in Österreich schon bisher relativ komplex. Eine zusätzliche Dynamik erhält es durch die Kombination von zwei neuen Faktoren, nämlich erstens durch die Schaffung eines gemeinsamen Europäischen Bildungsraums im Bologna-Prozess und zweitens durch die Autonomie der österreichischen Universitäten, wie sie durch das Universitätsgesetz 2002 eingeleitet wurde.   

Der Bologna-Prozess zur Entwicklung eines Europäischen Bildungsraums (European Higher Education Area – EHEA) auf institutioneller, nationaler und europäischer Ebene bis 2010 stellt eines der wichtigsten politischen Ziele der EU dar. Die „Erklärung von Bologna“ der europäischen Bildungsminister (1999) nennt dafür folgende Maßnahmen: Einführung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse, Gliederung der Studiengänge in zwei Hauptzyklen (Bachelor/Master), Einführung eines Leistungspunktesystems zur einheitlichen Erfassung der Studienleistungen, Zusammenarbeit bei der Qualitätssicherung, Erleichterung der Mobilität der Studierenden, Förderung der Mobilität aller Hochschulangehörigen namentlich durch Modularisierung der Studiengänge sowie Ausrichtung der Studieninhalte auf die arbeitsmarktrelevanten Qualifikationen. Nachhaltige Auswirkungen sind insbesondere von der Einführung des Bachelor-/Mastersystems durch die davon induzierte Auffächerung und Spezialisierung der Angebote und von der Zusammenarbeit bei der Qualitätssicherung durch die Förderung von europaweit agierenden Akkreditierungsinstituten zu erwarten.


In Kombination mit der Einführung des Universitätsgesetzes 2002, mit dem die Universitäten unter anderem die völlige Autonomie bei der Gestaltung ihrer Curricula erhalten haben, führt der Bologna-Prozess zumindest für eine Übergangszeit nicht zu klareren Strukturen, sondern zu steigender Unübersichtlichkeit. Mit dem Auslaufen der Diplomstudien zerfällt das Angebot automatisch in Bachelor- und Masterstudien, zu denen zusätzliche spezialisierte Masterstudien kommen.7 Aus den derzeit bestehenden bzw. in Arbeit befindlichen Bachelor- Studienplänen an den Universitäten geht für die Bereiche Architektur und Bauingenieurwesen überdies hervor, dass diese nicht berufsqualifizierend konzipiert sind, sondern ausschließlich die Qualifikation zur Aufnahme eines Masterstudiums bieten. Darüber, wie weit die Universitäten ihre Studienrichtungen auch für AbsolventInnen anderer, nur fachverwandter Bachelorstudien öffnen, liegen derzeit noch keine Erfahrungen vor. Da durch die Autonomie der Universitäten auch keinerlei Abstimmung von Curricula zwischen österreichischen Universitäten mehr erforderlich ist, dürfte ein beachtlicher Koordinationsbedarf in dieser Hinsicht zu erwarten sein. Ob der „Bildungsmarkt“ für die Koordination dieser Prozesse ausreichend ist oder ob hier nach wie vor eine staatliche Steuerungsaufgabe vorliegt, steht zur Diskussion. Als Steuerungsinstrument bieten sich auf universitärer Ebene die Leistungsvereinbarungen an, die an den meisten Universitäten erstmals für das Jahr 2007 zu verhandeln sind.


Der Umbruch des Bildungssystems als Chance

Diese Kurzdarstellung der Entwicklung sollte deutlich machen, dass sich das Bildungssystem heute in einem endogenen Umbruch befindet, der zumindest im Bauwesen nicht von Anforderungen der Praxis ausgelöst wurde. Dieser Umbruch wird bestehende Grenzen zwischen Disziplinen aufweichen und mittelfristig zu neuen Berufsbildern führen. Die Standesvertretungen in Architekten- und Wirtschaftskammern sind gefordert, hier die Chancen zu einer Stärkung des Bauwesens und der Baukultur zu erkennen, die vor allem in der effizienten Verknüpfung hochqualitativer Bildungs-, Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote bestehen. Sowohl die Wirtschaft als auch die Bildungsinstitutionen können im globalen Wettbewerb nur durch Qualität bestehen, was neue Allianzen zwischen planenden und ausführenden Akteuren ebenso erfordern wird wie neue Formen der Rückkopplung aus der Praxis in die Forschung und Ausbildung.


3. Baukulturrelevante Studiengänge an Universitäten und Fachhochschulen in Österreich

Im Jahr 2004 haben an österreichischen Universitäten 569 Studierende ein Studium der Architektur abgeschlossen (davon 30 an den Kunstuniversitäten), 224 ein Studium des Bauingenieurwesens, 27 ein Studium der Raumplanung und 78 ein Studium der Landschaftsplanung und Landschaftspflege. Dazu kommen 273 Studierende, die ein baubezogenes Studium an einer Fachhochschule absolviert haben.8 Aufgeschlüsselt auf die einzelnen Universitäten und Fachhochschulen ergibt sich dabei folgendes Bild (im Bereich der Fachhochschulen sind die Studiengänge des jeweiligen Standorts zusammengefasst):  


Der Verlauf über die Jahre 2000 bis 2004 zeigt in den einzelnen Bereichen folgende Entwicklung: Die AbsolventInnenzahlen im Bereich der Architektur liegen konstant bei knapp unter 600, allerdings sind die Zahlen der StudienanfängerInnen steigend (2004 rund 1000). Im Bauingenieurwesen ist die Zahl der AbsolventInnen von 2000 bis 2004 deutlich von 166 auf 224 gestiegen, die Zahl der AnfängerInnen liegt konstant bei rund 400. Die Drop-Out-Raten liegen an den Universitäten generell bei über 50%. Ohne Zugangsbeschränkungen kann diese hohe Rate nicht reduziert, sondern nur durch eine Selektion in der Eingangsphase, etwa im 1. Studienjahr, auf einen möglichst frühen Zeitpunkt geschoben und damit für Universitäten und Studierende mit möglichst geringem Aufwand verbunden werden.

In den fünf Studienjahren von 2000 bis 2004 haben in Summe 2.895 Studierende ein Studium der Architektur abgeschlossen (davon 159 an den Kunstuniversitäten), 1.005 im Bauingenieurwesen, 189 in der Raumplanung und 492 in der Landschaftsplanung und Landschaftsgestaltung. Dazu kommen 1.033 AbsolventInnen von Fachhochschulen.



In der Bundesrepublik Deutschland haben im Jahr 2004 im Bereich Architektur an Universitäten und Fachhochschulen insgesamt 5.984 Studierende ein Studium absolviert. In Relation zur Einwohnerzahl ist dieser Wert annähernd mit dem österreichischen zu vergleichen (rund 1 AbsolventIn auf 14.000 EinwohnerInnen). Allerdings ist in der BRD aufgrund der schlechten Beschäftigungslage die Zahl der Studierenden im Architekturbereich deutlich zurückgegangen (von 47.962 im Jahr 2000 auf 37.416 im Jahr 2005).10

4. Berufsanerkennung und Akkreditierung

Auf der Ebene der Europäischen Union spielt die Ausbildung eine besondere Rolle für die gegenseitige Anerkennung von Berufen und damit indirekt für die Dienstleistungsfreiheit. Das Recht der UnionsbürgerInnen, sich überall in der EU niederzulassen oder Dienste zu erbringen, ist ein gemeinschaftliches Grundprinzip. Die Regelungen über die einzelstaatlichen beruflichen Qualifikationen können jedoch zu Beeinträchtigungen dieser Grundfreiheiten führen. Solche Hindernisse werden durch Regeln überwunden, die die gegenseitige Anerkennung der beruflichen Qualifikationen zwischen den Mitgliedsstaaten garantieren. Für den Architektenberuf ist dabei insbesondere die Architektenrichtlinie 85/384/EWG von Bedeutung, welche die automatische Anerkennung von Berufsqualifikationen gewährleistet. Sie enthält eine allgemeine Beschreibung von Struktur und Inhalten von Studien, die als berufsqualifizierend für den Architektenberuf gelten. Diese Richtlinie wurde zuletzt in die neue Berufsanerkennungsrichtlinie 2005/36/EG integriert, die bis Oktober 2007 in nationales Recht umzusetzen ist.
Parallel dazu soll im Rahmen des Bologna-Prozesses ein europäisches Akkreditierungssystem zur Qualitätssicherung in der Bildung aufgebaut werden. Im Kommuniqué der Bildungsministerkonferenz Berlin 2003 wurde Qualitätssicherung als „Dreh- und Angelpunkt für die Schaffung des Europäischen Hochschulraums“ bezeichnet und vereinbart, dass neben anderen Maßnahmen auch ein System der Akkreditierung oder Zertifizierung oder ähnlicher Verfahren für Universitäten bis 2005 auf nationaler Ebene umzusetzen.
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5. Arbeitsmarkt

Die jüngsten statistischen Angaben über die Beschäftigung in den planenden Berufen im Bauwesen sind für das Jahr 2001 verfügbar.12 In den 4.099 Architekturbüros und 7.203 Ingenieurbüros waren in diesem Jahr 12.390 bzw. 27.750 Personen beschäftigt. Diesem Beschäftigungsstand13 standen im März desselben Jahres 144 arbeitssuchende AkademikerInnen im Architektur- und 68 im Bauingenieurbereich gegenüber. Die Aussagekraft dieser Zahlen ist allerdings beschränkt, da sie den zumindest im Architekturbereich hohen Anteil an freien MitarbeiterInnen nicht erfasst und in Bezug auf die Arbeitslosenzahlen keine Angaben darüber vorliegen, wie groß die Zahl von AbsolventInnen einschlägiger Fachrichtungen ist, die zwar arbeitslos, aber nicht beim AMS registriert bzw. in andere Berufe abgewandert sind.

Dennoch kann die Schwankung der Zahl der Arbeitssuchenden als Indikator für den Arbeitsmarkt im Bauwesen angesehen werden. In der Zeitreihe seit 1990 zeigt sich im Bereich der Architektur ein Anstieg von 52 auf 214 (also auf über das Vierfache) bis zum Jahr 1999. Im Bauingenieurwesen findet sich ein Anstieg auf das Dreifache, von 33 bis zu einem Maximum von 106 im Jahr 2002. Seither haben die Arbeitslosenzahlen wieder leicht abgenommen. Diese Entwicklung bewegt sich im Rahmen der Entwicklung der aggregierten Zahlen arbeitsloser AkademikerInnen in technischen Berufen, die von 369 im Jahr 1990 auf 1.155 im Jahr 2003, also ebenfalls rund auf das Dreifache, angestiegen sind. Diese Zahlen sind vor dem Hintergrund der Gesamtentwicklung im Bauwesen zu sehen: Während hier im Jahr 1996 mit 178.476 Beschäftigten ein Umsatz von EUR 15,5 Mrd. erwirtschaftet wurde, wurde 2004 mit 164.451 Beschäftigten ein Umsatz von EUR 20,4 Mrd. erzielt. Somit sank seit 1996 die Beschäftigtenzahl um 14.025 (8%),während der Umsatz um EUR 4,9 Mrd. (31%) zunahm.

Zu viele AbsolventInnen?

Die Frage, ob die Anzahl der AbsolventInnen in den planenden Berufen im Bauwesen derzeit zu hoch ist, lässt sich aufgrund dieser Zahlen und ohne weitergehende Analyse der tatsächlichen Berufskarrieren der AbsolventInnen nicht eindeutig beantworten. Der technologische Fortschritt, dem die Schere zwischen Umsatz und Beschäftigung im Bauwesen zu verdanken ist, könnte durchaus auch im Planungsbereich zu Rationalisierungen führen. Andererseits steigen die Ansprüche an die Planung (durch höhere Ansprüche an Qualität, Energieeffizienz, Wirtschaftlichkeit, zunehmende Verrechtlichung mit höheren Ansprüchen ans Projektmanagement und Controlling etc.). Ein hohes Niveau der Baukultur ist jedenfalls mit einer hohen Planungsqualität verbunden, die sich trotz Rationalisierungseffekten in einer höheren Beschäftigung niederschlagen müsste.

Zusätzlich erschwert wird die Prognose durch die Tatsache, dass sich der aktuelle Bauboom in China, Asien und Afrika in den nächsten Jahren fortsetzen wird,
was über den Planungsexport das Arbeitsplatzangebot erhöhen könnte. Österreich hat auf diesem Markt durch seinen generell guten Ruf in den Bereichen Architektur und ökologisch angepasster Technologien durchaus Chancen. In jedem Fall geht es dabei um innovative und teilweise hochspezialisierte Leistungen, die eine entsprechende Ausbildung verlangen.

Verschiebung von Marktanteilen

Zu beachten ist nicht zuletzt die mögliche Verschiebung von Marktanteilen zwischen den Anbietern von Planungsleistungen im Bauwesen. Derzeit wird international nur ein kleiner Teil des Hochbaus auf dem bereits erwähnten Niveau eines ganzheitlichen Ansatzes, der künstlerische, technische, soziale, ökonomische und ökologische Kriterien berücksichtigt, realisiert. Daraus lässt sich ein Marktpotenzial für anspruchsvolle Planung im Zusammenspiel unterschiedlicher Spezialisierungen ableiten.
Voraussetzung dafür sind BauherrInnen, die den planerischen Mehraufwand eines solchen Ansatzes (aus dem sich nicht unbedingt höhere Gesamtkosten eines Projekts ergeben müssen) anerkennen und zu bezahlen bereit sind. Diese
BauherrInnen sind nicht nur einer der wesentlichsten Faktoren einer hochwertigen Baukultur, sondern bestimmen indirekt auch die Nachfrage nach hochwertigen Planungsleistungen und damit den Arbeitsmarkt.


6. Qualitäten und Potenziale des österreichischen Bildungssystems für planende Berufe im Bauwesen

Ohne im gegebenen Rahmen auf die Spezifika der einzelnen Standorte im Detail eingehen zu können, lassen sich für die österreichische Situation generell einige besondere Stärken identifizieren:
  • Internationale Positionierung

    Die österreichischen Ausbildungsstätten verstehen sich als Akteure in einem internationalen Bildungsraum, was sich nicht zuletzt im hohen Anteil an ProfessorInnen mit internationalem Hintergrund und/oder international exzellentem Ruf zeigt. Diese Besetzungspolitik ist ein Faktor für die hohe Reputation der österreichischen Architektur.

  • Regionale Ausgewogenheit mit spezifischer Profilierung

    Mit universitären Ausbildungsstätten in Wien, Graz, Linz und Innsbruck ist eine gute regionale Ausgewogenheit garantiert. Den Standorten Wien, Graz und Innsbruck entsprechen heute auch klar differenzierte Architekturregionen mit eigenem Profil.

  • Grundkonsens über ganzheitliche, interdisziplinäre Ausbildung mit Praxisbezug

    An den Ausbildungsstätten besteht ein Grundkonsens über eine ganzheitliche Ausbildung mit individuellen Vertiefungsmöglichkeiten und Praxisbezug. Die parallel zur Lehr- und Forschungstätigkeit ausgeübte Praxis im eigenen Atelier ist bei ProfessorInnen und LektorInnen im Bereich der Entwurfsausbildung üblich und wird von den Ausbildungsstätten explizit unterstützt.

  • Hohe Attraktivität des Architekturstudiums

    Das Interesse für das Architekturstudium ist trotz des angespannten Arbeitsmarkts ungebrochen hoch. Darin liegt auch eine Chance für andere baubezogene Bildungsangebote an Universitäten, Fachhochschulen und im Handwerk, bei entsprechender Bewerbung Interessenten für ihre Angebote „abzuzweigen“.



Diesen Stärken steht eine Reihe von Schwächen gegenüber:
  • Teilweise schlechte Ausstattung mit Ressourcen

    Vor allem an den Technischen Universitäten ist das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden äußerst schlecht.

  • Mangelnde Kooperation zwischen Architektur und Ingenieurwissenschaften

    Die Differenzierung der Ausbildung ist in Österreich nicht durch Maßnahmen zur Förderung interdisziplinärer Zusammenarbeit ausgeglichen worden.

  • Mangelnde strukturelle Anpassung an Anforderungen der Praxis

    Von den Architektur- und Ingenieurbüros werden im Bauwesen „flexible SpezialistInnen“ nachgefragt, die eine breite Grundausbildung mit rascher Lernfähig- keit und Spezialkenntnissen in einzelnen Bereichen verbinden. Die Universitäten orientieren sich dagegen zu sehr an klassischen Berufsbildern und bieten den Studierenden zu wenig Anreiz, individuelle, praxisgerechte Kompetenzprofile zu erwerben. Das Berufsbild des „individualistischen Entwurfsarchitekten“ entspricht für die große Mehrheit der AbsolventInnen nicht der Realität.

  • Ausbildungsmängel in den Bereichen Wirtschafts- und Rechtskompetenz, Fremdsprachen und Soft Skills

    Der zunehmende Einfluss juristischer und ökonomischer Faktoren auf das Planen und Bauen ist in der Ausbildung noch zu wenig berücksichtigt, ebenso die Anforderung zur Beherrschung von Fremdsprachen und von Soft Skills wie Kommunikations- und Teamfähigkeit.


Die derzeitigen Stärken der Ausbildung und die aktuellen Rahmenbedingungen eröffnen mittelfristig eine Reihe von Chancen:

  • Profilierung auf dem internationalen Bildungsmarkt

    Bei guter Abstimmung der Bildungsangebote im Sinne einer „Coopetition“ (also einer intelligenten Mischung zwischen Kooperation und Konkurrenz) zwischen den Anbietern könnte Österreich sich als eine „erste Adresse“ für die Ausbildung in Architektur, Bauingenieurwesen und verwandten Disziplinen etablieren.

  • Attraktivität für Studierende aus dem Ausland

    Als Folge der Profilierung auf dem internationalen Bildungsmarkt besteht die Chance, exzellente Studierende aus dem Ausland an die österreichischen Ausbildungsstätten zu bringen. Angesichts der demographischen Entwicklung ist die Nutzung dieser Chance essenziell für den Arbeitsmarkt im Allgemeinen und für Innovation und Forschung im Speziellen.

  • Starke Partnerschaften mit Industrie und Gewerbe in der Forschung und experimentellen Entwicklung

    Die Entwicklung des Bau- und Planungswesens von einer Low-Tech-Branche zu einer High-Tech-Branche mit entsprechendem Forschungsbedarf bietet neue Chancen für die Universitäten und Fachhochschulen (z.B. Forschung in Bezug auf ökologische, soziale, wirtschaftliche Nachhaltigkeit; technische und systemische Innovation; interdisziplinäre Forschung).

  • Positiver Einfluss auf die regionale Baukultur durch Bildungsinstitutionen

    Regionale Bildungsangebote haben grundsätzlich positive Seiteneffekte auf die regionale Baukultur.


Als Gefahren für die mittelfristige Entwicklung sind folgende Punkte besonders hervorzuheben:
  • Mangelnde Koordination der österreichischen Bildungseinrichtungen im Zuge weiterer Deregulierung

    Die Transformation des Bildungssystems von einem rein angebotsorientierten System zu einem System mit marktähnlichen Steuerungsmechanismen ist grundsätzlich zu begrüßen. Ohne Koordinationsleistungen der öffentlichen Hand – zumindest in einer Übergangsphase – werden diese Mechanismen aber nicht ausreichen, um eine der Baukultur förderliche Bildung und Ausbildung zu sichern.

  • Verringerung des allgemeinen Ausbildungsniveaus durch berufsqualifizierende Bachelorausbildung und zu frühe Spezialisierung

    Die dreijährige Bachelorausbildung ist in den planenden Berufen des Bauwesens als Grundausbildung mit verbesserten Wahlmöglichkeiten für ein Masterstudium sinnvoll, nicht aber als Berufsqualifikation. Der derzeitige Konsens von Universitäten und Berufsvertretungen in dieser Hinsicht muss von der Politik dauerhaft akzeptiert werden.

  • Fehlentwicklungen im Fachhochschulbereich

    Die hohe Attraktivität des Fachs Architektur führt tendenziell dazu, dass Fachhochschulen das generalistische Modell der Universitäten übernehmen statt Spezialausbildungen anzubieten. Der ursprüngliche Sinn der FHs, praxisorientierte Ausbildungen für Spezialbereiche wie Hochbau, Energietechnik und Holztechnik anzubieten, könnte damit zugunsten eines Ausbildungsprofils vernachlässigt werden, für das es in Österreich bereits ein mehr als ausreichendes Angebot gibt.


7. Strategische Empfehlungen an die Politik

Der aktuelle Umbau des Bildungssystems hat zweifellos auch Auswirkungen auf die Baukultur. Er bietet wie jeder Umbau neben vielfältigen Risiken auch Chancen, zu deren Wahrnehmung die Politik wesentlich beitragen kann. Bildung und Ausbildung werden nach wie vor zum überwiegenden Teil von der öffentlichen Hand über Steuergelder finanziert und damit indirekt – etwa über die Leistungsvereinbarungen mit den Universitäten und sonstige Förderungen – gesteuert. Um dabei die Interessen der Baukultur berücksichtigen zu können, muss die öffentliche Hand entsprechende Kompetenz aufbauen, Strategien formulieren und für die Qualitätssicherung sorgen. Die Koordination dieses Bereichs könnte zum Aufgabenspektrum eines oder einer „Baukulturbeauftragten“ der Bundesregierung gehören.


Als Einzelmaßnahmen wären dabei zu nennen:
  • Festlegung von strategischen Zielen zur Förderung der Baukultur, an denen sich die Universitäten in den einschlägigen Fachbereichen – ohne Einschränkung der Freiheit von Lehre und Forschung – orientieren können
  • Schaffung der Rahmenbedingungen für eine „Forschungsinitiative für das Bauwesen“, in die Universitäten, Fachhochschulen und die Wirtschaft einzubinden sind
  • Aufbau von international anerkannten Akkreditierungs- und Evaluierungseinrichtungen bzw. deren Aktivierung für den universitären Bereich
  • Schaffung fairer Rahmenbedingungen zwischen Kunstuniversitäten, Technischen Universitäten und Fachhochschulen (angemessene Ressourcenverteilung unter Berücksichtigung des freien Hochschulzugangs und einer selektiven Eingangsphase)
  • Förderung von Hochschulpartnerschaften (double and triple degrees)
  • Förderung von Exzellenznetzwerken in der Forschung und im postgradualen Bereich
  • Förderung eines aktiven, international orientierten Bildungsmarketings für die Ausbildung im Bauwesen

Fußnoten

  1. Der Autor dankt DI Anne Wagner für ihre wertvollen Anregungen zu den Inhalten dieses Kapitels.
  2. Europaweite Studie 2005: Neue Geschäftspotenziale für ArchitektInnen und IngenieurInnen; Maisberger/Whiteoaks im Auftrag von Nemetschek; www.go-evolution.de; [20.6.2006]. In Frankreich verstehen sich nach dieser Studie 23,3% der Befragten als EntwerferInnen, 19,9% als UnternehmerInnen, 50,5% positionieren sich „genau dazwischen“; in Deutschland lauten die Zahlen 9,7% EntwerferInnen, 35% UnternehmerInnen und 45% im Zwischenbereich, wobei das deutsche Sample im Unterschied zum österreichischen auch IngenieurInnen umfasste.  
  3. UIA AND ARCHITECTURAL EDUCATION – REFLECTIONS AND RECOMMENDATIONS, Document prepared by the UIA Architectural Education Commission, Text adopted by the XXIIth UIA General Assembly (Berlin, July 2002).
  4. An der TU Wien (damals noch Technische Hochschule) erfolgte diese Trennung im Jahr 1976; an der Universität Innsbruck im Jahr 2004. Dieser Trend war in der BRD weniger einheitlich. Dort finden sich Universitäten, die ihr Profil aus der gemeinsamen Ausbildung von ArchitektInnen und Bauingenieur- Innen gewinnen (z.B. Universität Stuttgart; Universität Darmstadt).
  5. Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw), 2001, über die Vorbildung der BetriebsinhaberInnen bzw. GeschäftsführerInnen von Baumeisterbetrieben.
  6. Diese auf vier Jahre beschränkte Ausbildung wurde in der Berufsanerkennungsrichtlinie 2005/36/EG – wie bereits in der Vorgängerrichtlinie, der sektoralen Architektenrichtlinie 85/384/EWG – nur als Ausnahmeregelung für die BRD zugelassen.
  7. An der TU Wien wurde beispielsweise in der Studienrichtung Architektur ein eigener Master of Building Science neben dem Master in Architektur eingerichtet. Andere Fakultäten erweitern ihr Angebot deutlicher: Die Bauingenieurfakultät der TU Wien bietet drei Masterstudien an, die Informatik neun.
  8. Quelle für alle österreichspezifischen Daten in diesem Abschnitt: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Für das Jahr 2005 liegen noch keine vollständigen Daten von Seiten der Universitäten vor.
  9. Ab 1.10.2006 wird diese Studienrichtung an der Universität für Bodenkultur unter dem Titel „Landschaftsplanung und Landschaftsarchitektur“ geführt.
  10. Quelle: Statistisches Bundesamt der BRD
  11. In Österreich werden Akkreditierungen für den Fachhochschulbereich vom Fachhochschulrat und für Privatuniversitäten von einem seit 1999 bestehenden Akkreditierungsrat vorgenommen. Im Unterschied dazu ist in Deutschland die „Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland“ auch mit Universitäten befasst und hat bereits die neuen Curricula für die Architekturausbildung in Aachen und Weimar akkreditiert.
  12. Statistik Austria 2004: Arbeitsstättenzählung 2001.
  13. In dieser Zählung sind allerdings sämtliche Beschäftigte einer Branche, also auch Reinigungskräfte etc., erfasst.