Rahmenbedingungen für die Produktion von Baukultur

Berufsbild und Berufszugang im europäischen Vergleich

Zwischen bürgerlichem Büro und Stargeklimper:

Warum Architektur künftig anders geschehen wird – und was gesetzliche Rahmenbedingungen mit Baukultur zu tun haben.


Architektur ist bis an das Ende des 20. Jahrhunderts als Berufsbild ein Produkt der Aufklärung und ihrer Institutionen, der Akademien und Polytechnischen Hochschulen ebenso wie einer aufgeklärten Verwaltung und einer bürgerlich-liberalen Mittel- und Oberschicht als wichtigstem Klientel. Die Architekturschaffenden* waren selbst Teil dieser Schichten und Institutionen mit dem Status des „nützlichen Künstlers“ – einer im Rahmen bürgerlicher Kunstauffassungen paradoxen und kompensatorischen Figur – auch dort, wo das Selbstbild, etwa seit den Umbrüchen der Moderne nach dem Ersten Weltkrieg, schon ein gänzlich anderes gewesen sein mag: etwa das eines Organisators und Technikers im Dienst einer neuen Gesellschaft, eines Experten im Kollektiv zum Aufbau der Neuen Stadt, eines Revolutionärs, Sozialreformers oder intellektuellen Vorkämpfers.


Heute, wo das soziale und politische Engagement der Moderne längst vergessen ist oder bestenfalls als Gegenstand kultursoziologischer Untersuchungen aufscheint, räumen die wirtschaftlichen Verwerfungen des avancierten Kapitalismus mit dem bürgerlichen Berufsbild radikaler auf, ohne freilich Perspektiven zu entwickeln, die eine positive Deutung dieser Aufräumarbeit absehbar scheinen ließen. Eine aufgeblähte Kulturindustrie forciert das Phänomen der ArchitektInnen als Pop-Stars, wobei zwischen Sportstadien, Off-Szenen und Karaoke-Bars höchst unterschiedliche Bühnen angeboten, die je zugewiesenen Rollen aber meist willfährig internalisiert werden und insgesamt ein mediales Bild von Architektur vorgeblendet wird, das von den prekären wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen der Planungs- und Bauprozesse ebenso weit entfernt ist wie von denen der Nutzungen.


Auswege werden von Einzelinitiativen und Gruppen engagierter ArchitektInnen, oft in Vernetzung mit ExpertInnen aus den Bereichen der Kulturwissenschaften, der Technik oder der Wirtschaft, seit Ende der 1990er Jahre verstärkt gesucht, wobei der eigentlich architektonische Beitrag im besten Fall ebenso radikal generalistisch wie situationsspezifisch angelegt wird. Die in den Planungs- und Bauprozessen abverlangten Spezialisierungen der Beteiligten werden zumindest teilweise in kollektiven Identitäten aufgehoben, die fallweise auch das Verhältnis zu AuftraggeberInnen und Ausführenden stärker integrativ zu definieren versuchen (z.B. durch Beteiligungsprozesse, Selbstbau etc.). Die Auflösung sozialer Absicherung, geregelter Arbeitsverhältnisse und Lebensplanung bleibt zwar als typisches Phänomen der Prekarisierung der Mittelschichten bestehen, wird aber verstärkt als kollektive und politische Frage wahrgenommen.


Klassische Beschäftigungsverhältnisse können jedenfalls nicht länger restriktiv als Voraussetzung zum Berufszugang gelten (Praxiszeiten), sozialversicherungsrechtliche Standards müssen den Veränderungen im Berufsbild Rechnung tragen. Als vordringliche Maßnahme sind die gesetzlichen Regelungen (Ziviltechnikergesetz – ZTG, Ziviltechnikerkammergesetz – ZTKG) entsprechend anzupassen und ein mit dem staatlichen harmonisiertes Sozialversicherungssystem zu schaffen. Die Pflege eines vordergründig allzu präsenten Starsystems in der öffentlichen Vermittlungs- und Vergabepraxis wird den Dynamiken eines aktuellen Berufsbildes nicht gerecht. Kulturindustriell interessierte Formen der Architekturvermittlung sind privatwirtschaftlich problemlos abzudecken. Die Verantwortung der öffentlichen Hand liegt dagegen verstärkt in der Unterstützung von Initiativen der inner- und interprofessionellen Vernetzung, der Mitbestimmung der Bevölkerung in Planungsprozessen, aufklärerischer und kritischer Informations- und Bildungspolitik sowie von Forschung und Innovation.

* ca. 16% selbstständige ArchitektInnen 2004!