Bildung und Ausbildung

  1. Begründet entwerfen
    Aus der Wahrnehmung des Weiterbildners bemerken wir bei AbsolventInnen akademischer Architekturausbildungen häufig die Neigung, den Gebäudeentwurf als persönliches, willensdominiertes „Statement“ zu verstehen. Häufig wird ein abstraktes Prinzip oder eine wie immer begründete Absicht an die Spitze des Entwurfsprozesses gestellt, der dann alle weiteren Planungsentscheidungen untergeordnet werden.
    Diese Neigung zur wenig reflektierten Vorentscheidung steht einer fundierten, vergleichenden Variantenanalyse häufig entgegen. Die Variantenanalyse wird dann auf untergeordnete Entscheidungsebenen beschränkt, während ausgerechnet die grundsätzlichen und damit relevanten Entscheidungen häufig aus der Sensitivitätsanalyse ausgeklammert bleiben.
    Aus dieser Erfahrung heraus fordere ich die Ausbildungsstätten auf, im Entwurfsunterricht Gebäude von der ersten Konzeption an innerhalb realer, funktionaler ebenso wie formaler und ästhetischer Rahmenbedingungen zu entwickeln, anstatt diese Auseinandersetzung durch das Postulat eines persönlichen, schöpferischen Willens des/der Entwerfenden zu ersetzen.

  2. Koedukation
    In der Weiterbildung machen wir sehr gute Erfahrungen mit der „Koedukation“ von VertreterInnen unterschiedlicher Planungsdisziplinen ebenso wie auch mit dem gemeinsamen Unterricht von PlanerInnen und leitenden MitarbeiterInnen der ausführenden Unternehmen.
    Die bisweilen vorhandene Sorge, mit diesem befugnisübergreifenden Unterricht eine Unterwanderung des Architektenberufs zu fördern, erweist sich als völlig unbegründet. Ganz im Gegenteil zeigt sich laufend, dass durch die gemeinsame Schulung der genannten Berufsgruppen der wechselseitige Respekt vor der jeweiligen Tätigkeit und auch die Anerkennung der Befugnisse hochgradig gefördert werden. Außerdem verbessert diese „Koedukation“ die Besteller- und Dienstleistungskompetenz der einzelnen Gruppen, was die wirtschaftliche Situation der planungs- und errichtungsbeteiligten Berufe deutlich stärkt.

  3. Weiterbildung
    Weiterbildung in Planungsberufen ist gar nicht so unüblich, wie immer wieder behauptet wird. Zwei Kategorien werden häufig angeboten:
  • anlassbezogene „Nachschulungen“ eng abgegrenzter Fertigkeiten
  • Projektbesichtigungen und Werkschauen Beide Formen sind aber nur wenig geeignet, die eigenen, persönlichen Paradigmen des Arbeitens als ArchitektIn und FachplanerIn weiterzuentwickeln. Dazu sind sie zu kurz und thematisch zu eng. Um in einem mehr als 30-jährigen Berufsleben am Ball zu bleiben, scheint mir eine Kultur der berufsbegleitenden Weiterbildung notwendig zu sein, die eine grundlegende, über einen nennenswerten Zeitraum erstreckte Auseinandersetzung des eigenen Handelns auslöst. Ich appelliere daher an die VerantwortungsträgerInnen in Politik und Standesvertretung, Anreize zum Besuch derartiger umfassender Weiterbildungsprogramme zu schaffen.